SPIEGEL-GESPRÄCH
MIT AHMADINEDSCHAD
"Wir sind
entschlossen"
Der
iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad über den
Holocaust, die Zukunft des Staates Israel, über Fehler
Amerikas im Irak und Teherans Anspruch auf Nuklearenergie.
SPIEGEL:
Herr Präsident, Sie sind Fußballfan und spielen selbst
gern Fußball. Wenn die iranische Nationalmannschaft am 11.
Juni in Deutschland gegen Mexiko spielt, werden Sie dann in
Nürnberg im Stadion sitzen?
Ahmadinedschad: Das kommt darauf an. Ich werde mir
das Spiel natürlich in jedem Fall anschauen, aber ob zu
Hause vor dem Fernseher oder anderswo, weiß ich noch nicht.
Meine Entscheidung hängt von vielerlei ab.
SPIEGEL:
Zum Beispiel?
Ahmadinedschad:
Wie viel Zeit ich habe, wie manche Beziehungen sind, ob ich
dazu Lust habe und manches mehr.
SPIEGEL: Es hat in Deutschland große Entrüstung
gegeben, als bekannt wurde, dass Sie womöglich zur Fußballweltmeisterschaft
kommen werden. Hat Sie das überrascht?
Ahmadinedschad: Nein, das ist nicht wichtig, ich habe
gar nicht verstanden, wie das zustande kam. Es hatte für
mich auch keine Bedeutung. Ich kann diese ganze Aufregung
nicht verstehen.
SPIEGEL: Sie hat mit Ihren Bemerkungen über den
Holocaust zu tun. Dass der iranische Präsident den
systematischen Mord der Deutschen an den Juden leugnet, löst
zwangsläufig Empörung aus.
Ahmadinedschad: Ich verstehe den Zusammenhang nicht
genau.
SPIEGEL:
Erst machen Sie Ihre Bemerkungen über den Holocaust, dann
kommt die Nachricht, Sie reisen eventuell nach Deutschland -
das sorgt für Aufregung. Also waren Sie doch überrascht?
Ahmadinedschad:
Nein, in keiner Weise, denn das Netzwerk des Zionismus ist
weltweit sehr aktiv, auch in Europa, daher habe ich mich
nicht gewundert. Wir haben das deutsche Volk als
Ansprechpartner gesehen. Mit Zionisten haben wir nichts zu
tun.
SPIEGEL: Das Leugnen des Holocaust steht in
Deutschland unter Strafe. Ist es Ihnen gleichgültig, wenn
Ihnen Entrüstung entgegenschlägt?
Ahmadinedschad: Ich weiß, dass der SPIEGEL ein
renommiertes Magazin ist, aber ich weiß nicht, ob Sie die Möglichkeit
haben, die Wahrheit über den Holocaust zu veröffentlichen.
Sind Sie befugt, alles darüber zu schreiben?
SPIEGEL: Ganz sicher sind wir befugt, über die
Erkenntnisse der historischen Forschung in den letzten 60
Jahren zu schreiben. Aus unserer Sicht besteht kein Zweifel
daran, dass die Deutschen - leider - an der Ermordung von
sechs Millionen Juden die Schuld tragen.
Ahmadinedschad:
Nun, dann haben wir eine ganz konkrete Diskussion angeregt.
Wir stellen zwei klare Fragen. Die erste lautet: Hat sich
der Holocaust wirklich ereignet? Sie bejahen diese Frage.
Also lautet die zweite Frage: Wer trägt die Schuld daran?
Die Antwort darauf muss in Europa gefunden werden und nicht
in Palästina. Es ist doch ganz klar: Wenn der Holocaust in
Europa passiert ist, dann muss man die Antwort darauf
ebenfalls in Europa finden. Andererseits: Wenn der Holocaust
nicht passiert ist, warum ist dann dieses Besatzerregime ...
SPIEGEL: ... Sie meinen den Staat Israel ...
Ahmadinedschad:
... zustande gekommen? Warum verpflichten sich die
europäischen Länder, dieses Regime zu verteidigen?
Erlauben Sie mir, noch auf einen weiteren Punkt einzugehen.
Wir sind der Meinung, wenn eine historische Begebenheit der
Wahrheit entspricht, wird diese Wahrheit umso mehr ans
Tageslicht kommen, je mehr danach geforscht und darüber
gesprochen wird.
SPIEGEL: Das ist in Deutschland längst geschehen.
Ahmadinedschad:
Wir wollen den Holocaust weder bestätigen noch leugnen. Wir
sind gegen jede Art von Verbrechen an jedwedem Volk, aber
wir wollen wissen, ob dieses Verbrechen wirklich geschehen
ist oder nicht. Wenn ja, dann müssen diejenigen bestraft
werden, die dafür die Verantwortung tragen, und nicht die
Palästinenser. Warum ist es nicht erlaubt, über eine
Tatsache zu forschen, die vor 60 Jahren passiert ist? Dabei
sind andere historische Ereignisse, die zum Teil mehrere
tausend Jahre zurückliegen, für die Forschung freigegeben,
und auch die Regierungen unterstützen sie.
SPIEGEL: Herr Präsident, mit Verlaub, der Holocaust
hat stattgefunden, es gab Konzentrationslager, es gibt Akten
über die Vernichtung der Juden, es ist viel geforscht
worden, und es gibt nicht den geringsten Zweifel am
Holocaust und auch nicht an der Tatsache, dass die Deutschen
- wir bedauern das sehr - dafür verantwortlich sind. Wenn
wir noch eines ergänzen dürfen: Das Schicksal der
Palästinenser wiederum ist eine ganz andere Frage, und sie
bringt uns in die Gegenwart.
Ahmadinedschad:
Nein, nein, die Wurzeln des Palästina-Konflikts sind in der
Geschichte zu suchen. Der Holocaust und Palästina stehen in
direkter Verbindung zueinander. Und wenn es den Holocaust
wirklich gegeben hat, dann erlauben Sie doch, dass
unparteiische Gruppen aus aller Welt forschen. Warum beschränken
Sie die Forschung auf eine bestimmte Gruppe? Ich meine natürlich
nicht Sie, sondern die europäischen Regierungen.
SPIEGEL: Bleiben Sie dabei, dass der Holocaust nur
"ein Mythos" sei?
Ahmadinedschad: Ich akzeptiere nur dann etwas als
Wahrheit, wenn ich wirklich überzeugt bin.
SPIEGEL: Obwohl alle westlichen Wissenschaftler
keinen Zweifel am Holocaust hegen?
Ahmadinedschad: In Europa gibt es dazu doch zwei
Meinungen. Eine Gruppe Wissenschaftler oder Personen, die
meistens politisch motiviert sind, sagen, dass der Holocaust
geschehen ist. Dann gibt es aber die Gruppe jener
Wissenschaftler, die eine gegenteilige Auffassung vertreten
und deshalb zum größten Teil inhaftiert sind. Also muss
eine unparteiische Gruppe kommen, um nachzuforschen und eine
Stellungnahme abzugeben zu diesem sehr wichtigen Thema. Denn
die Klärung dieser Frage trägt zur Lösung von
Weltproblemen bei. Unter dem Vorwand des Holocaust fand
weltweit eine sehr starke Polarisierung und Frontenbildung
statt. Deshalb wäre es sehr gut, wenn eine internationale
und unparteiische Gruppe der Sache nachginge, um ein für
alle Mal Klarheit zu schaffen. Normalerweise fördern und
unterstützen Regierungen die Arbeit der Forscher über
historische Ereignisse und stecken sie nicht ins Gefängnis.
SPIEGEL: Wer soll das sein, welche Forscher meinen
Sie?
Ahmadinedschad: Das wissen Sie besser als ich, Sie
haben die Liste. Es sind Leute aus England, aus Deutschland,
Frankreich und aus Australien.
SPIEGEL: Vermutlich meinen Sie zum Beispiel den
Briten David Irving, den Deutsch-Kanadier Ernst Zündel, der
in Mannheim vor Gericht steht, und den Franzosen Georges
Theil, die allesamt den Holocaust leugnen.
Ahmadinedschad: Allein die Tatsache, dass meine Äußerungen
zu solchen heftigen Protesten geführt haben, obwohl ich
kein Europäer bin, und auch die Tatsache, dass ich mit
gewissen Personen in der deutschen Geschichte verglichen
werde, deutet darauf hin, wie konfliktgeladen in Ihrem Land
die Atmosphäre für Forscher ist. Hier in Iran können Sie
unbesorgt sein.
SPIEGEL: Nun führen wir diese historische Debatte
mit Ihnen aus durchaus aktuellem Anlass. Stellen Sie Israels
Existenzrecht in Abrede?
Ahmadinedschad: Schauen Sie, meine Ansichten sind
ganz klar. Wir sagen, wenn der Holocaust passiert ist, dann
muss Europa die Konsequenzen ziehen und nicht Palästina dafür
den Preis zahlen. Wenn er nicht passiert ist, dann müssen
die Juden dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind. Ich
glaube, dass heute auch das deutsche Volk der Gefangene des
Holocaust ist. Im Zweiten Weltkrieg sind 60 Millionen
Menschen gefallen, der Zweite Weltkrieg war ein riesiges
Verbrechen. Wir verurteilen all das, wir sind gegen
Blutvergießen, und zwar unabhängig davon, ob ein
Verbrechen gegen einen Muslim oder gegen einen Christen oder
Juden begangen wird. Die Frage aber ist: Warum stehen unter
diesen 60 Millionen Opfern nur die Juden im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit?
SPIEGEL: Das ist so nicht der Fall. Alle Völker
trauern um die Opfer, die der Zweite Weltkrieg gefordert
hat, Deutsche und Russen und Polen und andere ebenso. Doch
wir als Deutsche können uns nicht von einer speziellen
Schuld freimachen, nämlich von der systematischen Ermordung
der Juden. Aber vielleicht sollten wir nun doch zum nächsten
Thema übergehen.
Ahmadinedschad: Nein, ich habe eine Frage an Sie. Was
für eine Rolle hat die heutige Jugend im Zweiten Weltkrieg
gespielt?
SPIEGEL: Keine.
Ahmadinedschad: Warum soll sie Zionisten gegenüber
Schuldgefühle haben? Warum sollen die Kosten für die
Zionisten aus ihrer Tasche bezahlt werden? Wenn Leute damals
Verbrechen begangen haben, dann mussten sie vor 60 Jahren
vor Gericht gebracht werden. Schluss! Warum muss das
deutsche Volk heute dafür erniedrigt werden, dass es im
Laufe der Geschichte eine Gruppe von Menschen gab, die im
Namen der Deutschen Verbrechen begangen haben?
SPIEGEL: Das heutige deutsche Volk kann nichts dafür.
Aber es gibt eine Art Kollektivscham für jene Taten, die
unsere Väter oder Großväter in deutschem Namen begingen.
Ahmadinedschad: Wie kann eine Person, die zur
damaligen Zeit gar nicht gelebt hat, juristisch
verantwortlich sein?
SPIEGEL: Nicht juristisch, sondern moralisch.
Ahmadinedschad: Warum wird dem deutschen Volk so viel
auferlegt? Das deutsche Volk trägt heute keine Schuld.
Warum darf das deutsche Volk nicht das Recht haben, sich zu
verteidigen? Warum werden die Verbrechen einer Gruppe so
betont, anstatt vielmehr das große deutsche Kulturerbe
herauszustellen? Warum sollen die Deutschen nicht das Recht
haben, ihre Meinung frei zu äußern?
SPIEGEL: Herr Präsident, wir sind uns durchaus
bewusst, dass die deutsche Geschichte nicht nur aus den zwölf
Jahren des Dritten Reichs besteht. Dennoch müssen wir
akzeptieren, dass im deutschen Namen schreckliche Verbrechen
begangen worden sind. Dazu stehen wir auch, und es ist eine
große Leistung der Deutschen in der Nachkriegsgeschichte,
dass sie sich kritisch mit der Vergangenheit
auseinandergesetzt haben.
Ahmadinedschad: Sind Sie bereit, dies auch dem
deutschen Volk mitzuteilen?
SPIEGEL: Oh ja, das tun wir.
Ahmadinedschad: Würden Sie daher auch zulassen, dass
eine unparteiische Gruppe das deutsche Volk befragt, ob es
Ihre Meinung teilt? Kein Volk akzeptiert seine Erniedrigung.
SPIEGEL: In unserem Land ist jede Frage erlaubt. Aber
natürlich gibt es Rechtsradikale in Deutschland, die nicht
nur antisemitisch eingestellt sind, sondern ausländerfeindlich,
und sie halten wir in der Tat für eine Gefahr.
Ahmadinedschad: Ich habe eine Frage an Sie. Wie lange
soll das so weitergehen? Wie lange, glauben Sie, muss das
deutsche Volk die Geisel der Zionisten sein? Wann ist das zu
Ende - in 20, 50, in 1000 Jahren?
SPIEGEL: Wir können nur für uns sprechen. Der
SPIEGEL ist niemandes Geisel, der SPIEGEL beschäftigt sich
nicht nur mit der deutschen Vergangenheit und den Verbrechen
der Deutschen. Wir stehen im Palästina-Konflikt keineswegs
kritiklos auf der Seite Israels. Doch eines wollen wir mit
Entschiedenheit festhalten: Wir sind kritisch, wir sind
unabhängig, wir lassen jedoch nicht zu, jedenfalls nicht
ohne Protest, dass das Existenzrecht des Staates Israel, in
dem viele Überlebende des Holocaust leben, in Frage
gestellt wird.
Ahmadinedschad: Genau das sagen wir doch. Warum
sollten Sie sich den Zionisten gegenüber verpflichtet fühlen?
Wenn es den Holocaust gab, muss Israel in Europa liegen und
nicht in Palästina.
SPIEGEL: Wollen Sie 60 Jahre nach Kriegsende ein
ganzes Volk wieder umsiedeln?
Ahmadinedschad: Fünf Millionen Palästinenser sind
seit 60 Jahren heimatlos. Es ist erstaunlich: Sie zahlen
seit 60 Jahren Entschädigung wegen des Holocaust und müssen
noch 100 Jahre weiterzahlen. Aber warum ist das Schicksal
der Palästinenser kein Gegenstand der Diskussion?
SPIEGEL: Die Palästinenser werden von den Europäern
sehr unterstützt, denn natürlich haben wir auch eine
historische Verantwortung dafür, dass in dieser Region
endlich Friede einkehrt. Aber tragen Sie diese Verantwortung
nicht auch?
Ahmadinedschad: Ja, aber Aggression, Besetzung und
Wiederholung des Holocaust führen nicht zum Frieden. Wir
wollen einen nachhaltigen Frieden, wir müssen die Probleme
an den Wurzeln lösen. Ich freue mich, dass Sie ehrliche
Menschen sind und sagen, dass Sie verpflichtet sind, die
Zionisten zu unterstützen.
SPIEGEL: Das haben wir nicht gesagt, Herr Präsident.
Ahmadinedschad: Sie haben Israelis gesagt.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir reden über den
Holocaust, weil wir über die mögliche atomare Bewaffnung
Irans reden wollen - und deshalb werden Sie im Westen als
eine Gefahr erachtet.
Ahmadinedschad: Manche Gruppen im Westen lieben es,
Sachen oder Personen als gefährlich einzustufen. Bitte, Sie
sind frei, so zu urteilen, wie Sie es für richtig halten.
SPIEGEL: Die Kernfrage lautet: Wollen Sie
Nuklearwaffen für Ihr Land?
Ahmadinedschad: Erlauben Sie mir, eine Diskussion
anzuregen: Was glauben Sie, wie lange man die Welt mit der
Rhetorik einiger westlicher Mächte regieren kann? Sobald
man etwas gegen eine Person hat, geht es mit Propaganda und
Lügen los, mit Verleumdungen und Erpressung. Wie lange soll
das so weitergehen?
SPIEGEL: Wir sind ja hier, um die Wahrheit
herauszufinden. Der Staatschef eines Nachbarlandes zum
Beispiel hat zum SPIEGEL gesagt: "They are very keen on
building the bomb." Stimmt das?
Ahmadinedschad: Schauen Sie, unsere Diskussion mit
Ihnen und den europäischen Regierungen verläuft doch auf
einer ganz anderen, höheren Ebene. Wir finden dieses
Rechtssystem, wonach ein paar Länder der übrigen Welt
ihren Willen aufzwingen, diskriminierend und instabil. 139 Länder
sind Mitglieder der Internationalen Atomenergiebehörde
(IAEA) in Wien, auch wir. Sowohl die Satzung der IAEA als
auch der Atomwaffensperrvertrag sowie sämtliche
Sicherheitsabkommen räumen den Mitgliedsländern das Recht
ein, für friedliche Zwecke über den atomaren
Brennstoffkreislauf zu verfügen; das ist das gesetzlich
legitimierte Recht eines jeden Volkes. Darüber hinaus wurde
die Internationale Atomenergiebehörde aber auch ins Leben
gerufen, um die Abrüstung jener Mächte voranzutreiben, die
schon über atomare Waffen verfügten. Und nun schauen Sie,
was heute passiert: Iran hatte die beste Zusammenarbeit mit
der IAEA. Mehr als 2000-mal hatten wir Inspektionen in
unseren Anlagen, die Inspektoren haben über 1000 Seiten
Dokumente von uns bekommen. Ihre Kameras sind in unseren
Nuklearzentren installiert. In allen Berichten hat die IAEA
betont, dass es keine Indizien für Unregelmäßigkeiten
Irans gibt. Das ist die eine Seite.
SPIEGEL: Die IAEA sieht das nicht ganz so wie Sie.
Ahmadinedschad: Die andere Seite aber ist: Es gibt
einige Länder, die sowohl die Nuklearenergie als auch
Nuklearwaffen haben. Sie benutzen ihre Nuklearwaffen, um
andere Völker zu bedrohen. Ausgerechnet diese Mächte
sagen, sie seien besorgt, dass Iran vom Weg zur friedlichen
Nutzung abweicht. Wir sagen, wenn diese Mächte besorgt
sind, können sie uns ja beaufsichtigen. Diese Mächte aber
sagen: Die Iraner dürfen den Nuklearkreislauf nicht schließen,
weil dann die Möglichkeit bestünde, dass sie von der
friedlichen Nutzung abweichen. Wir sagen, dass diese Länder
selbst längst von der friedlichen Nutzung abgewichen sind.
Diese Mächte haben nicht das Recht, so mit uns zu reden.
Diese Ordnung ist ungerecht, sie kann nicht Bestand haben.
SPIEGEL: Herr Präsident, die entscheidende Frage
lautet doch: Wie gefährlich wird die Welt, wenn noch mehr Länder
zu Atommächten aufsteigen - wenn ein Land wie Iran, dessen
Präsident Drohungen ausstößt, in einer krisenreichen
Region die Bombe baut?
Ahmadinedschad: Wir sind grundsätzlich dagegen, dass
die Arsenale mit Atomwaffen noch ausgebaut werden. Wir haben
deshalb vorgeschlagen, dass eine unparteiische Organisation
gegründet wird und die Atommächte entwaffnet. Wir benötigen
keine Waffen, wir sind ein zivilisiertes und kulturreiches
Volk, unsere Geschichte zeigt, dass wir niemals irgendein
Land angegriffen haben.
SPIEGEL: Iran braucht gar nicht die Bombe, die es
bauen will?
Ahmadinedschad: Es ist doch interessant, dass europäische
Länder dem diktatorischen Schah-Regime damals
Nukleartechnologie gewähren wollten. Dieses Regime war gefährlich,
dennoch waren sie bereit, ihm die Atomtechnologie zu
liefern. Aber seitdem es die Islamische Republik gibt, sind
diese Mächte dagegen. Ich betone noch mal, wir benötigen
keine Atomwaffen. Weil wir ehrlich sind und gesetzestreu
handeln, stehen wir auch zu dem, was wir sagen. Wir sind
keine Betrüger. Wir wollen nur unser legitimes Recht
geltend machen. Außerdem habe ich niemanden bedroht - auch
dies gehört zur Propagandamaschine, die gegen mich bei
Ihnen läuft.
SPIEGEL: Wäre es dann nicht notwendig, darauf
hinzuwirken, dass niemand Angst davor haben muss, Sie könnten
nukleare Waffen produzieren, die Sie möglicherweise gegen
Israel einsetzen und so eventuell einen Weltkrieg auslösen
könnten? Sie sitzen auf einem Pulverfass, Herr Präsident.
Ahmadinedschad: Erlauben Sie mir, zwei Dinge zu
sagen. Kein Volk der Region hat Angst vor uns. Und niemand
soll den Völkern Angst machen. Wir glauben, wenn die USA
und diese zwei bis drei europäischen Länder sich nicht
einmischen würden, dann würden die Völker dieser Region
friedlich zusammenleben, so wie in den Tausenden Jahren
zuvor. Auch Saddam Hussein wurde 1980 von Ländern in Europa
und von Amerika angestiftet, gegen uns Krieg zu führen. In
Bezug auf Palästina ist unser Standpunkt ganz klar. Wir
sagen: Erlauben Sie, dass die Besitzer dieses Landes ihre
Meinung äußern. Lassen Sie doch Juden, Christen und
Muslime ihre Meinung sagen. Die Gegner dieses Vorschlags
ziehen den Krieg vor und bedrohen die Region. Warum sind die
USA und diese zwei bis drei europäischen Länder dagegen?
Ich glaube, diejenigen, die Holocaust-Forscher einsperren,
sind für Krieg und gegen Frieden. Unser Standpunkt ist
demokratisch und friedlich.
SPIEGEL: Die Palästinenser sind Ihnen doch längst
einen Schritt voraus, sie erkennen Israel als Faktum an, während
Sie es weiter von der Landkarte ausradieren wollen. Die Palästinenser
sind bereit zu einer Zwei-Staaten-Lösung, während Sie
Israel das Existenzrecht absprechen.
Ahmadinedschad: Sie täuschen sich. Sie haben doch
gesehen, dass das Volk bei der freien Wahl in Palästina die
Hamas gewählt hat. Wir sagen, weder Sie noch wir sollten
uns zum Sprecher des palästinensischen Volkes machen. Die
Palästinenser sollen selbst sagen, was sie wollen. Es ist
doch in Europa üblich, für jede Frage ein Referendum zu
machen. Man sollte auch den Palästinensern die Gelegenheit
geben, ihre Meinung zu äußern.
SPIEGEL: Die Palästinenser haben das Recht auf ihren
eigenen Staat, aber die Israelis unserer Ansicht nach
selbstverständlich auch.
Ahmadinedschad: Wo sind die Israelis hergekommen?
SPIEGEL: Wissen Sie, wenn wir aufrechnen wollten,
woher die Menschen gekommen sind, dann müssten auch die
Europäer zurück nach Ostafrika, wo alle Menschen ursprünglich
herkommen.
Ahmadinedschad: Wir sprechen nicht über die Europäer,
wir sprechen über die Palästinenser. Die Palästinenser
waren dort in Palästina. Jetzt sind fünf Millionen zu Flüchtlingen
geworden. Haben sie kein Recht auf Leben?
SPIEGEL: Herr Präsident, kommt nicht irgendwann der
Zeitpunkt zu sagen: Die Welt ist, wie sie ist, und wir müssen
mit dem Status quo, so wie er ist, fertig werden? Nach dem
Krieg gegen den Irak ist Iran doch in einer günstigen Lage.
Amerika hat den Irak-Krieg de facto verloren. Ist es also
nicht an der Zeit, dass Iran zu einer konstruktiven
Friedensmacht im Nahen Osten wird? Und das heißt auch, dass
Iran sich von Atomplänen und aufrührerischen Reden
verabschiedet?
Ahmadinedschad: Ich wundere mich, warum Sie die
Position der europäischen Politiker einnehmen und fanatisch
verteidigen. Sie sind ein Magazin und keine Regierung. Zu
sagen, dass wir die Welt, so wie sie ist, akzeptieren
sollen, bedeutet, dass die Sieger des Zweiten Weltkriegs
noch 1000 Jahre Siegermächte bleiben, und dass das deutsche
Volk noch 1000 Jahre erniedrigt werden muss. Denken Sie,
dies ist die richtige Logik?
SPIEGEL: Nein, die richtige Logik ist es nicht, und
es trifft auch nicht zu. Die Deutschen haben in der
Entwicklung der Nachkriegszeit eine bescheidene, aber
wichtige Rolle in der Welt gespielt, sie fühlen sich nicht
seit 1945 erniedrigt und entwürdigt. Dafür sind wir zu
selbstbewusst. Wir wollen jedoch jetzt von der Aufgabe Irans
heute reden.
Ahmadinedschad: Dann würden wir akzeptieren, dass
jeden Tag Palästinenser getötet werden, durch
Terroraktionen sterben, dass Häuser zerstört werden. Aber
erlauben Sie mir, über den Irak zu sprechen. Wir waren
immer für Frieden und Sicherheit in der Region. Die
westlichen Länder haben acht Jahre lang Saddam im Krieg
gegen uns militärisch aufgerüstet, chemische Waffen
eingeschlossen, und ihn politisch unterstützt. Wir waren
gegen Saddam, wir haben durch ihn schweren Schaden erlitten,
wir freuen uns, dass er gestürzt ist. Aber wir akzeptieren
nicht, dass ein Land, unter dem Vorwand, Saddam stürzen zu
wollen, geschluckt wird. Mehr als 100.000 Iraker sind ums
Leben gekommen, unter der Herrschaft der Besatzer. Glücklicherweise
sind Deutsche nicht dabei. Wir wollen Sicherheit im Irak.
SPIEGEL: Aber Herr Präsident, wer schluckt den Irak?
Der Krieg ist für die USA praktisch verloren. Wenn Iran
konstruktiv mitwirken würde, wäre den Amerikanern möglicherweise
geholfen, und sie könnten über einen Rückzug nachdenken.
Ahmadinedschad: Das ist sehr interessant: Die
Amerikaner besetzen das Land, töten Menschen, verkaufen das
Öl, und wenn sie verloren haben, schieben sie anderen die
Schuld zu. Das irakische Volk ist mit uns eng verbunden.
Viele Menschen auf beiden Seiten der Grenze sind miteinander
verwandt. Wir haben Tausende von Jahren zusammengelebt.
Unsere heiligen Pilgerstätten liegen im Irak. Der Irak war
ein Zentrum der Zivilisation genauso wie Iran.
SPIEGEL: Was folgt daraus?
Ahmadinedschad: Wir haben immer gesagt, dass wir die
vom Volk gewählte Regierung im Irak unterstützen. Aber aus
meiner Sicht machen es die Amerikaner schlecht. Sie haben
uns mehrere Male Botschaften geschickt und uns um Hilfe und
Zusammenarbeit gebeten. Sie haben gesagt, dass wir Gespräche
über den Irak führen sollten. Obwohl unser Volk kein
Vertrauen in die Amerikaner hat, haben wir das Angebot
akzeptiert und dies öffentlich bekannt- gegeben. Amerika
aber hat sich negativ geäußert, es hat uns beleidigt. Auch
jetzt leisten wir unseren Beitrag für die Sicherheit im
Irak. Die Bedingung für Gespräche ist, dass die Amerikaner
ihre Verhaltensweise ändern.
SPIEGEL: Macht es Ihnen manchmal Spaß, die
Amerikaner und den Rest der Welt zu provozieren?
Ahmadinedschad: Nein, ich beleidige niemanden. Der
Brief, den ich an Herrn Bush geschrieben habe, war höflich.
SPIEGEL: Wir meinen nicht beleidigen, sondern
provozieren.
Ahmadinedschad: Nein, wir fühlen niemandem gegenüber
Feindseligkeit. Wir sind besorgt über die amerikanischen
Soldaten, die im Irak ums Leben kommen. Warum müssen sie
dort ihr Leben lassen? Der Krieg ist sinnlos. Warum gibt es
Krieg, wenn es doch auch Vernunft gibt?
SPIEGEL: Ist der Brief, den Sie dem Präsidenten
geschrieben haben, auch eine Geste gegenüber den
Amerikanern, damit es zu direkten Verhandlungen kommt?
Ahmadinedschad: Wir haben darin unsere Position ganz
klar dargelegt, genauso sehen wir die Probleme der Welt. Die
politische Atmosphäre der Welt ist durch manche Mächte
stark besudelt worden, weil aus deren Sicht Lügen und Betrügen
legitim sind. Das ist aus unserer Sicht sehr schlecht. Für
uns verdienen alle Menschen Respekt. Die Beziehungen müssen
auf der Grundlage von Gerechtigkeit geregelt werden. Wenn
Gerechtigkeit herrscht, herrscht Friede. Ungerechte Verhältnisse
haben keinen Bestand, auch wenn Ahmadinedschad sich nicht
dagegen äußert.
SPIEGEL: In diesem Brief an den amerikanischen Präsidenten
gibt es eine Passage über den 11. September 2001. Wir
zitieren: "Wie könnte eine solche Operation ohne
Koordinierung mit Geheim- und Sicherheitsdiensten
beziehungsweise unter weitreichender Infiltration dieser
Dienste geplant und durchgeführt werden?" Bei Ihnen
schwingen immer so viele Unterstellungen mit. Was soll das
heißen? Hat die CIA dazu beigetragen, dass Mohammed Atta
und die anderen 18 Attentäter ihre Anschläge ausführen
konnten?
Ahmadinedschad: Nein, das habe ich nicht gemeint. Wir
finden nur, sie sollten sagen, wer schuldig ist. Sie sollten
nicht unter dem Vorwand des 11. September den Nahen Osten
militärisch angreifen. Sie sollen die Schuldigen vor
Gericht bringen. Wir sind nicht dagegen, wir haben die
Anschläge verurteilt. Wir verurteilen jede Aktion gegen
unschuldige Menschen.
SPIEGEL: In diesem Brief schreiben Sie auch, der
Liberalismus westlicher Prägung sei gescheitert. Wie kommen
Sie eigentlich darauf?
Ahmadinedschad: Schauen Sie, für das palästinensische
Problem haben Sie zum Beispiel Tausende Definitionen, und
auch die Demokratie wird in jeder Ausprägung bei Ihnen
anders definiert. Wenn ein Phänomen abhängig ist von der
Meinung vieler Einzelner, die das Phänomen beliebig deuten
dürfen, dann ist das nicht sinnvoll, damit kann man die
Weltprobleme nicht lösen. Man braucht einen neuen Weg. Wir
sind natürlich dafür, dass der freie Wille des Volkes
herrscht, aber wir brauchen nachhaltige Prinzipien, die alle
akzeptieren - zum Beispiel Gerechtigkeit. Darin sind sich
Iran und der Westen einig.
SPIEGEL: Welche Rolle kommt Europa bei der Lösung
des Atomkonflikts zu, und welche Erwartungen haben Sie an
Deutschland?
Ahmadinedschad: Wir haben von jeher gute Beziehungen
zu Europa gepflegt, insbesondere zu Deutschland. Die beiden
Völker mögen sich. Wir sind interessiert, dass diese
Beziehungen ausgebaut werden. Europa hat drei Fehler in
Bezug auf unser Volk gemacht. Der erste Fehler war, die
Regierung des Schahs zu unterstützen. Unser Volk ist
deswegen enttäuscht und unzufrieden. Allerdings hat
Frankreich dadurch, dass es den Imam Chomeini aufgenommen
hatte, eine besondere Position erworben, die es später
wieder verlor. Der zweite Fehler war die Unterstützung
Saddams im Krieg gegen uns. Die Wahrheit ist, dass unser
Volk erwartet hatte, Europa auf seiner Seite zu sehen und
nicht gegen sich. Der dritte Fehler war das Verhalten in der
Nuklearfrage. Europa wird der große Verlierer sein und
nichts erzielen. Das wollen wir nicht.
SPIEGEL: Wie geht der Konflikt zwischen der
westlichen Welt und Iran jetzt weiter?
Ahmadinedschad: Die Logik der Amerikaner verstehen
wir. Sie haben durch den Sieg der islamischen Revolution
Schaden erlitten. Aber wir wundern uns, warum manche europäischen
Länder gegen uns sind. In der Nuklearfrage habe ich eine
Botschaft geschickt und gefragt, warum die Europäer uns die
Worte der Amerikaner übersetzen. Sie wissen doch, dass
unsere Aktivitäten friedlich ausgerichtet sind. Wenn die
Europäer auf der Seite Irans stehen, ist es in ihrem und
unserem Interesse. Aber wenn sie sich gegen uns stellen,
dann tragen nur sie den Schaden davon. Denn unser Volk ist
stark und entschlossen. Die Europäer sind dabei, ihre Rolle
im Nahen Osten völlig zu verlieren, und in anderen Regionen
der Welt verlieren sie ihren Ruf. Man wird denken, sie seien
nicht in der Lage, Probleme zu lösen.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für
dieses Gespräch.
Das
Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Gerhard Spörl,
Stefan Aust und Dieter Bednarz in Teheran.
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