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Der Mann, der Demjanjuk vor Gericht bringt

Thomas Walther war von 1988 bis 2006 Amtsrichter in Lindau - dann beschloss er, vor dem Ende seiner aktiven Beamtenlaufbahn noch einmal eine Herausforderung zu suchen. Er wechselte zur Zentralstelle für die Aufklärung von Naziverbrechen in Ludwigsburg. Dort hat er dafür gesorgt, dass der ehemalige KZ-Wachmann John Demjanjuk vor ein deutsches Gericht kommt.

(LINDAU/mb) "Es ist der Mikrobereich, der mich interessiert. Es ist die Wahrheit auf den zweiten Blick", sagt der frühere Lindauer Amtsrichter Thomas Walther. Und so fängt die Geschichte von einem Kriegsverbrecher mit einem ganz banalen Fall vor dem Amtsgericht Lindau an. Einer fahrlässigen Tötung, als der Hänger eines Lasters ins Schleudern kam und auf der Gegenfahrbahn ein Auto plattmachte. Der Fahrer war nicht vorbestraft, wäre im Normalfall wohl mit einer Geldstrafe davongekommen.

Aber Thomas Walther fragte nach den Details und nahm sich auch alle Ordnungswidrigkeiten vor, die der Mann jemals begangen hatte. Und siehe da, dem Mann war das gleiche schon zweimal passiert, einmal hatte er mit dem Hänger eine Straßenlaterne mitgenommen, einmal eine Hauswand und jetzt eben ein vollbesetztes Auto. So wurde aus dem unbeschriebenen Blatt ein Wiederholungstäter und aus der Geldstrafe eine Haftstrafe. Und Thomas Walther hatte seinen Ruf, ein leidenschaftlicher und detailbesessener Ermittler in Richterrobe zu sein, weiter gefestigt.

Lindau ist für Walther Vergangenheit, 2006 kurz vor seiner anstehenden Pensionierung suchte die Justiz einen Richter für die Zentralstelle für die Verfolgung von Naziverbrechen in Ludwigsburg und es hätte kaum besser passen können. "Die Nazizeit war für mich schon immer eine Beleidigung meiner Grundüberzeugungen", sagt er, er bewarb sich für die Stelle und fand seinen Schreibtisch wenig später in Ludwigsburg wieder.

Er wurde also einer der vier Richter, die dort mit Staatsanwälten und Polizisten Massenverbrechen aus der Nazizeit ermitteln, und wie sich zeigen sollte, war er hier mit seiner Leidenschaft für die Details genau richtig. Bereits nach wenigen Monaten stieß Walther auf den Fall, der für ihn die Krönung seiner Laufbahn wurde. Den Fall Demjanjuk.

Der heute 89-jährige John Demjanjuk war, das steht nach Walthers Ermittlungen zweifelsfrei fest, ein sogenannter Trawniki. Trawniki ist eigentlich der Name eines nationalsozialistischen Ausbildungslagers in der Nähe von Lublin im heutigen Polen. Die SS bildete dort seit 1942 - wie es damals hieß - "fremdvölkische" Wachmannschaften für den "Reinhard-Plan", die Vernichtung der europäischen Juden, aus. Die Ausbildung dauerte einige Wochen und daraufhin kam Demjanjuk an seinen ersten Einsatzort als Wächter in das sogenannte Wehrdorf "Gut Okzov". Der nächste Einsatzort war das Konzentrationslager Majdanek und dann Anfang April 1943 das Vernichtungslager Sobibor.

Er war dort einer von 90 bis 120 Trawniki, die dabei halfen, die Menschen, die mit dem Zug ankamen, mit Bajonetten und Gewehrkolben durch den sogenannten "Schlauch" zu treiben. Den Menschen wurden zunächst die persönliche Habe abgenommen, den Frauen wurde der Kopf geschoren, sie mussten sich ausziehen und kamen dann in die Gaskammern. Sobibor war eine der schlimmsten Tötungsfabriken der Nazis, die Trawnikis waren Teil der Maschinerie und bekamen dafür - sorgfältig abgerechnet - ihren zustehenden Sold, hatten Unterkunft, gute Verpflegung und Freizeit. Zu Beginn von Walthers Ermittlungen gab es zwar die Aussage eines Wachmannes, dass er zusammen mit Demjanjuk in Sobibor gedient habe, und einen Dienstausweis, in dem erwähnt ist, dass er dort eingesetzt war, aber sicher war das alles noch nicht. Der Dienstausweis hätte gefälscht sein können, der Wachmannkollege aus Sobibor war unterdessen gestorben, und Demjanjuk selbst behauptete, nie etwas mit Trawniki oder Sobibor zu tun gehabt zu haben.

Es gab also ein Beweisproblem und eine Reihe offener rechtlicher Fragen: Kann ein Ukrainer, der in den USA lebt und in einem Vernichtungslager in Polen gearbeitet hat, vor ein deutsches Gericht gestellt werden? Muss ihm ein konkreter Mord vorgeworfen werden, oder reicht es für eine Anklage, dass er überhaupt dabei war?

Anfang 2008 stürzte sich Walther in die Recherchen und musste sich mit kompliziertesten rechtlichen Verästelungen befassen: Wer gegen Sold in einer Mordfabrik arbeitet und weiß, was er tut, leistet zumindest Beihilfe zum Mord -- daran gibt es vernünftigerweise keinen Zweifel. Muss ein Ukrainer, der zu diesem Zeitpunkt gleichsam bezahlter Angestellter der SS und des deutschen Staates war und deutsche Staatsangehörige (und zwar jüdische) umgebracht hat, aber auch vor ein deutsches Gericht? Dafür gibt es gleich zwei komplizierte rechtliche Theorien. Details, die entscheidend wichtig sind, wenn die Auslieferung gelingen soll.

Thomas Walther musste beweisen, dass Demjanjuk am Tod von Deutschen beteiligt war -- und er vertiefte sich, wie oft während der kommenden Monate in die Archive. Er arbeitete sich durch die Transportlisten der Züge, die in Sobibor ankamen und verglich sie mit den Opferlisten unter anderem des Jad-Vashem-Archivs in Jerusalem und konnte so schließlich nach mühevoller Kleinarbeit die Namen von 29547 Opfern während Demjanjuks Dienstzeit in Sobibor feststellen und 1940 von ihnen waren eindeutig deutsche Juden. Sie kamen zwischen dem 2. April und dem 20. Juni 1943 mit dem Zug von Westerbork nach Sobibor und wurden dort am Tag ihrer Ankunft ermordet.

Mehrere Wochen forschte Walther in Jerusalem, er recherchierte im Bundesarchiv,im Nationalarchiv in Washington, beim Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen und fand unter anderem das Waffenbuch von Demjanjuk, in dem detailliertaufgeführt war, welche Waffen er wann und wo von wem ausgehändigt bekommen hatte. Daten und Personalnummer stimmten mit denen in Demjanjuks Dienstausweis überein, und damit war dieses Dokument plötzlich ein Stück glaubwürdiger.

Mehr noch: Walther fand alte Dienstpläne und machte mit deren Hilfe einen anderen Trawniki ausfindig, der mit Demjanjuk in Flossenbürg (wo Demjanjuk ab September 1943 nach seinem Einsatz in Sobibor tätig war) das Zimmer geteilt hatte, und der auch nach dem Krieg noch mehrere Jahre mit ihm zusammenwohnte. Walther verhörte ihn als Erster. Stück um Stück jedenfalls wurden Demjanjuks eigene Aussagen, wo er die Zeit von 1942 bis 1945 angeblich verbracht hatte, auseinandergenommen und das Puzzle seines tatsächlichen Lebens als Trawniki-Wachmann setzte sich zusammen.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Innerhalb weniger Monate füllten sich 17 Leitzordner mit den Ergebnissen der Ermittlungen, und die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen übergab sie im vergangenen November an die Staatsanwaltschaft München I. Am 11. März erließ das Amtsgericht München einen internationalen Haftbefehl gegen John Demjanjuk und am 12. Mai kam er mit einer Sondermaschine aus den USA an und sitzt seitdem in der Krankenstation der Justizvollzugsanstalt in München-Stadelheim ein.

Wie Anton Winkler, Sprecher der Staatsanwaltschaft München, der "Schwäbischen Zeitung" bestätigte, wartet man dort das endgültige Gutachten über die Verhandlungsfähigkeit von Demjanjuk ab und wird dann (es sei denn, er wird verhandlungsunfähig erklärt) noch im Juni Anklage gegen den ehemaligen Wächter im Vernichtungslager Sobibor wegen Beihilfe zum Mord in 29547 Fällen erheben. Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird dann vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts München II der Prozess gegen Demjanjuk beginnen.

Thomas Walther, ohne den es das Verfahren nicht gäbe, wird einer der wichtigsten Zeugen sein. Zu diesem Zeitpunkt wird er von seinem Arbeitgeber, dem Freistaat Bayern, übrigens bereits als Ruhestandsbeamter geführt werden. Nach den Ermittlungen in Sachen Demjanjuk hat der mittlerweile 66-Jährige Walther seinen Schreibtisch in Ludwigsburg aufgeräumt, macht derzeit noch zwei Wochen Urlaub und wird dann bei einer Insolvenzverwalterkanzlei in Kempten einsteigen.

Walther, der in Wangen wohnt, wird also seine richterlichen Ermittlungen einstellen, und seine Begründung ist vermutlich richtig: "Was Größeres als Demjanjuk kommt nicht nach!"