„Er hat ja auch keine Rücksicht genommen“

 

Langen - Edith Erbrich hat kein Mitleid mit dem Mann, der am Dienstag mit einem Flugzeug aus den USA in München gelandet war und umgehend in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim gebracht wurde. Von Frank Mahn

John Demjanjuk, 89 Jahre alt und nach Aussagen seines Sohnes sehr krank, soll in Deutschland der Prozess gemacht werden – wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 29 000 Juden im Vernichtungslager Sobibor. „Er darf nicht wieder davonkommen“, sagt Erbrich, die als Kind nur knapp der Ermordung durch die Nazis entkam. „Er hat ja auch keine Rücksicht genommen.“

 

Die heute 71-Jährige, die seit fast 45 Jahren in Langen lebt, wünscht sich Gerechtigkeit. „Ich hoffe, dass er noch so lange lebt, bis er verurteilt wird.“ Die Staatsanwaltschaft wirft dem gebürtigen Ukrainer vor, 1943 als KZ-Wachmann für die SS im besetzten Polen bei der Vergasung Zehntausender Menschen geholfen zu haben. Demjanjuk bestreitet alle Vorwürfe. Das Verfahren könnte einer der letzten großen NS-Kriegsverbrecherprozesse in Deutschland werden. In Israel hatte Demjanjuk wegen einer Verwechslung sechs Jahre im Gefängnis gesessen, bis er 1993 frei kam und in die USA heimkehrte. Nach wochenlangem Tauziehen um seine Abschiebung lieferten ihn die US-Behörden jetzt aus. „Es hat lange genug gedauert“, atmet Edith Erbrich auf. Die Taten müssten gesühnt werden. Die Langenerin hofft auch, dass sich Überlebende des Holocaust finden, die sich an Demjanjuk erinnern und als Zeugen aussagen.

 

Sie selbst ist den Massenmördern nur um Haaresbreite entkommen. Die gebürtige Frankfurterin war sieben Jahre alt, als sie im Februar 1945 mit dem letzten Transport nach Theresienstadt verschleppt wurde. Drei Monate später befreite die Rote Armee das KZ auf tschechischem Boden – und Edith Erbrich gehörte zu jenen, die der Ermordung durch die Nazis entgangen waren. Wie knapp, erfuhr sie erst viel später: Am Tag nach der Befreiung hätte sie nach Auschwitz geschickt werden sollen.

 

Damit die Gräueltaten des Hitler-Regimes nicht in Vergessenheit geraten, erzählt die Langenerin ihre Geschichte unter anderem in Schulen. Im Jahr kommen so zwischen 50 und 60 Termine zusammen, am nächsten Dienstag spricht sie in einer Gießener Schule. Ihre Erfahrungen mit den Kindern und Jugendlichen sind ausgesprochen positiv. Viele schicken ihr hinterher Briefe, wünschen ihr Kraft zum Weitermachen. Im vergangenen Jahr war Erbrich mit einer Gruppe in Theresienstadt. „Da haben viele mit den Tränen gekämpft“, erzählt sie.

 

Erbrich brauchte lange, bis sie über die schrecklichen Ereignisse sprechen konnte. Und auch heute fällt es ihr manchmal schwer. „Ich tue es auch für die, die es nicht mehr tun können“, sagt die Zeitzeugin. Für ihr Engagement, sie ist unter anderem auch im Studienkreis Deutscher Widerstand von 1933 bis 1945 aktiv, wurde die Langenerin von Bundespräsident Horst Köhler im Oktober 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.