Er
war zum Tode verurteilt und kam davon: Vor mehr als 20 Jahren stand
John Demjanjuk in Israel vor Gericht. Doch am Ende des Verfahrens wurde
jener Mann, dem jetzt in Deutschland wieder der Prozess gemacht werden
soll, freigesprochen. Die Geschichte eines spektakulären
Ermittlungsfehlers. Von Cordula Meyer und Axel Frohn
Die
Richter hatten gerade erst ihr Urteil verkündet, da feiern die Israelis
im Gerichtssaal schon frenetisch: "Tod, Tod, Tod!", rufen Teenager
rhythmisch: Für sie gibt es keinen Zweifel: Der Mann vor ihnen auf der
Anklagebank ist ein Massenmörder, ein Schlächter, "Iwan der
Schreckliche", verantwortlich für den Tod tausender Juden im Zweiten
Weltkrieg. Der Mann, dessen Todesurteil für so viel Freude sorgt, heißt
John Demjanjuk. Kurz nach dem Urteil wird der Galgen für ihn gebaut.
Das war 1988 - vor mehr als 20 Jahren. John Demjanjuk lebt immer
noch - und sorgt seit Monaten erneut für viel Wirbel. Nach langem
Rechtsstreit wurde er jetzt aus den USA nach Deutschland geflogen, die
Münchner Staatsanwaltschaft will ihm den Prozess machen - wegen
Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen. So viele Menschen wurden im
Vernichtungslager Sobibor ermordet, während Demjanjuk dort als Wachmann
Dienst getan habe, so die Strafverfolger.
Doch in der medialen Aufregung um seine Auslieferung nach Deutschland
ist der erste Prozess gegen Demjanjuk fast völlig in Vergessenheit
geraten. Dabei zeigt er, wie schwierig es werden könnte, Demjanjuk zu
verurteilen. Der saß in Israel sieben Jahre in einer Zelle - und sollte
das Land dennoch als freier Mann verlassen.
Schwere Ermittlungsfehler, Irrtümer, unterdrückte Beweise
Die Wurzeln für diesen völlig überraschenden Ausgang, der damals
für Israel zum Fiasko wurde, gehen bis in die siebziger Jahre zurück.
Seit mehr als drei Jahrzehnten sind Nazi-Jäger dem heute 89-Jährigen
auf der Spur. Sie ließen nicht locker - aber während dieser Zeit
machten die Ermittler auch schwere Fehler, erlagen Irrtümern, und das
US-Justizministerium unterdrückte sogar entscheidende Beweise.
Die Komplizen - Hitlers europäische Helfer beim Judenmord
Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL:
> Inhalt
> E-Paper
> Heft kaufen
Der erste Hinweis auf Demjanjuk stammt von einem seiner ehemaligen
Kollegen. Ignat Daniltschenko, auch ein KZ-Wachmann, hatte bei seinem
eigenen Kriegsverbrecherprozess in der Sowjetunion ausgesagt, er kenne
einen Iwan Demjanjuk, der mit ihm zusammen in Sobibor und Flossenbürg
Dienst getan habe. Die Amerikaner forschten nach und fanden Demjanjuks
Einwanderungsakte: Als seinen Aufenthaltsort im Krieg hatte er
"Sobibor" eingetragen - Standort eines Vernichtungslagers. Die
US-Ermittler wurden hellhörig, aber mehr Indizien fanden sie nicht.
Kein Sobibor-Überlebender in den USA konnte Demjanjuks Foto
identifizieren. Also schickten die Kriminalisten das Foto mit 16
anderen Fotos verdächtiger Ukrainer nach Israel, damit sie
KZ-Überlebenden vorgelegt werden konnten.
Per Zeitungsanzeige suchte die israelische Chef-Ermittlerin nach
Zeugen aus den Todeslagern Sobibor und Treblinka. Keiner der
Sobibor-Überlebenden erkannte ihn - allerdings ein Zeuge aus einem
anderen Vernichtungslager, Abraham Goldfarb. "Iwan", sagte der
Überlebende aus Treblinka und zeigte spontan auf das Foto mit der
Nummer 16. "Aus wenigen Metern Entfernung" habe er gesehen, wie dieser
Wachmann, "mit Eisenstangen und einem Bajonett", die Opfer in die
Gaskammern trieb. "Wir Arbeiter nannten ihn Iwan Grozny, Iwan den
Schrecklichen." Am Ende hat Israel sechs Augenzeugen, die auf
Demjanjuks Foto "Iwan den Schrecklichen" aus Treblinka zu erkennen
glaubten. Einen Mann, der Frauen auf dem Weg in die Gaskammer mit einem
Bajonett die Brüste abschnitt. Eine mordlustige, meuchelnde Bestie.
Einen Mann, der die Dieselmotoren für die Gaskammern anwarf, viele der
900 000 Treblinka-Toten mit eigenen Händen mordete.
Nichts darf den prestigeträchtige Fall kaputt machen
1977 wird in den USA ein Verfahren eingeleitet, um Demjanjuk die
US-Staatsangehörigkeit zu entziehen. Das stärkste Beweismittel sind die
ergreifenden Aussagen der Augenzeugen aus Treblinka. Außerdem findet
die neugegründete Nazijäger-Einheit Office og Special Investigations
(OSI) im US-Justizministerium einen Dienstausweis mit Demjanjuks Daten,
der dessen Dienst als KZ-Wachmann bestätigt - aber eben in Sobibor und
Flossenbürg, nicht in Treblinka. Um die Widersprüche auszuräumen, lässt
das OSI sogar Demjanjuks mutmaßlichen Kollegen Daniltschenko durch
sowjetische Beamte noch einmal vernehmen. Doch der verstärkt die
Widersprüche noch und bleibt dabei, fast zwei Jahre zusammen mit
Demjanjuk in Sobibor und Flossenbürg gewesen zu sein.
Die US-Nazi-Jäger vom OSI haben nun ein Problem. Die
Treblinka-Überlebenden beteuern, Demjanjuk sei zur selben Zeit in
Treblinka gewesen in der Daniltschenko mit ihm in Sobibor und
Flossenbürg zusammen gearbeitet haben will. Die Geschichten passen
nicht zusammen. Ein besonders penibler Ermittler, George Parker,
schreibt seine Zweifel in einem langen Aktenvermerk an seine Chefs auf.
Er nimmt an, dass die Augenzeugen sich geirrt haben müssen. "Selbst
wenn es uns beruhigt, dass wir den richtigen Mann für die falsche Sache
haben", schreibt Parker, "müssen wir aus ethischen Gründen unsere
Position ändern." Der Fall müsse "radikal umgebaut" oder fallen
gelassen werden.
Doch die Ermittler wollen sich den prestigeträchtigen Fall nicht
kaputtmachen lassen. Sie ignorieren Parker, machen passend, was nicht
passt und ersinnen eine "Transfer-Theorie": Demjanjuk sei zwischen den
knapp 200 Kilometer entfernten Lagern Treblinka und Sobibor hin- und
hergependelt. Im Juni 1981 wird Demjanjuk die US-Staatsbürgerschaft
aberkannt. Zur gleichen Zeit verhandeln US-Beamte mit israelischen
Kollegen allgemein über die Auslieferung von Nazi-Kriegsverbrechern.
Sie sind sich einig, dass der Kandidat für ein erstes Verfahren "sehr
sorgfältig ausgesucht" werden müsse. Die Israelis sind nicht an einem
zweiten Eichmann-Prozess interessiert. Sie wollen diesmal keinen
Vernichtungsbürokraten, für den zweiten Prozess in Israel soll ein
Schlächter vor den Richter. Einer, der mit eigenen Händen gemordet hat.
Demjanjuk scheint ideal.
Hunger, Schläge, Tod im Vernichtungslager
Im Februar 1987 beginnt der Prozess gegen ihn in einem Jerusalemer
Theater. Jeder Gerichtssaal wäre zu klein. Schulklassen kommen in
Bussen zur Verhandlung. Als die Überlebenden aussagen, wird ihr
Auftritt auf Monitoren vor dem Gerichtssall übertragen. Die Zeugen
erzählen vom unfassbaren Horror des Vernichtungslagers, vom Hunger, von
den Schlägen und vom Tod überall. Ein Opfer geht ganz nah an Demjanjuk
heran und sieht ihm direkt in die Augen. "Das ist Iwan", sagte er. "Ich
sage es ohne den geringsten Zweifel."
Die Israelis wissen bis dahin nichts von Daniltschenkos Aussage,
sie wissen nichts von den Zweifeln George Parkers. Aber sie haben den
Dienstausweis Demjanjuks, in dem Sobibor verzeichnet ist. Der
Staatsanwalt Michael Shaked wedelt sogar mit dem Dienstausweis in einer
Klarsichthülle herum. Shaked versucht den Rentner klarzumachen, dass es
ihn vor den Treblinka-Vorwürfen retten könnte, wenn er zugibt, in
Sobibor gewesen zu sein. Doch Demjanjuk bleibt bei seiner Aussage, er
sei Kriegsgefangener gewesen, unter anderem 18 Monate in einem Lager in
Chelm - bis die Deutschen ihn für eine Kampfeinheit bei Graz angeheuert
hätten. 1988 verurteilt ihn das israelische Gericht zum Tod durch den
Strang - und löst damit den verfrühten Jubel aus.
Denn Demjanjuk geht in die Revision - und wird durch eine Kette von
Zufällen gerettet. Erst stürzt einer von Demjanjuks Verteidigern von
einem Hochhaus und stirbt, dann schüttet dem zweiten Verteidiger ein
Holocaust-Überlebender Säure ins Gesicht. Nur knapp kann dessen
Augenlicht gerettet werden. Während der sich von dem Attentat erholt,
gewinnt Demjanjuk wertvolle Zeit - etwa anderthalb Jahre. In dieser
Zeit fällt der Eiserne Vorhang, auf einmal sind ganz neue Recherchen
möglich. "Mir ist klar, dass ohne das Material aus der Sowjetunion
Demjanjuk exekutiert worden wäre", sagte Demjanjuk Verteidiger damals.
Identisch bis auf die Haarfarbe
Am Ende sind es Journalisten, Demjanjuks Angehörige, sowie der
israelische Staatsanwalt selbst, die eine neue Wahrheit ans Licht
bringen. Ein US-Reporter findet eine Maria Dudek in einem Dorf bei
Treblinka, die berichtet, mit dem schrecklichen Iwan geschlafen zu
haben, dem Betreiber der Gaskammern von Treblinka. Sein Name sei Iwan
Martschenko, mit schwarzem Haar. Demjanjuk aber hat dunkelblondes Haar.
Journalisten finden außerdem eine polnische Liste mit 43 Namen von
Treblinka-Wächtern. Demjanjuk ist nicht dabei. Aber Martschenko.
Demjanjuks Schwiegersohn treibt ein Hochzeitsfoto von Martschenko auf;
es wird zum Beweismittel, denn Martschenko sieht Demjanjuk bis auf die
Haarfarbe ähnlich. Dann tauchen noch Aussagen von mehr als 20
Wachmännern und Zwangsarbeiterinnen auf, die Iwan Martschenko als
Betreiber der Gaskammer identifizierten.
Nach all dem weiß der israelische Staatsanwalt Michael Shaked, dass er
selber nachermitteln muss. Er recherchiert in russischen und in
deutschen Archiven. Als er nach Israel heimkehrt, hat er im Gepäck
Aussagen von 37 Zeugen, die Martschenko als den Operateur der
Gaskammern in Treblinka identifizieren. Dazu hat Shaked eine Kopie von
Marchenkos Personalbogen und weiß, dass der KGB lange nach ihm als
Kriegsverbrecher gesucht hatte. Es spricht alles dafür, dass Marchenko
der berüchtigte "Iwan der Schreckliche" war. Und Demjanjuk? Für seinen
Aufenthalt in Treblinka gibt es keine Hinweise. Auch die Kommandanten
des Lagers können sich nicht an ihn erinnern. Aber für Demjanjuks Rolle
in Sobibor hat Shaked neue Indizien gefunden. Viele davon sollen nun
auch in München als Beweismittel dienen.
Shaked versucht nun, Demjanjuk wegen seiner mutmaßlichen Taten in
Sobibor zur Verantwortung zu ziehen: "Wenn dieser Mann auch nur ein
Kind in die Gaskammer geschoben hat, besteht irgendein Zweifel daran,
ob er zur Verantwortung gezogen werden muss?" Aber das Revisionsgericht
lehnt ab, Demjanjuk wegen Sobibor zu verurteilen - letztlich eine
politische Entscheidung: Der israelische Generalstaatsanwalt wollte
kein neues Verfahren führen, der Oberste Gerichtshof stützt diesen
Kurs. Das wichtigste Argument: Niemand dürfe wegen derselben Sache zwei
Mal angeklagt werden - und Sobibor sei auch Teil des ersten Prozesses
gewesen.
Der vorsitzende Richter des Obersten Gerichtshofs ließ zwar
durchblicken, dass er es für wahrscheinlich halte, dass Demjanjuk
"Hilfswilliger" der Nazis war. Aber: "Wachmann gewesen zu sein, ist
nicht das Verbrechen", sagte er. "Sondern Völkermord."
Demjanjuk wird freigesprochen und verlässt am 22. September 1993
Israel an Bord einer El Al-Maschine in der Business Class. 1998 erhält
er seine US-Staatsangehörigkeit zurück. Ein Foto aus dem Flugzeug von
Israel zurück in die USA hat sich Demjanjuks Sohn John rahmen lassen.
Es steht heute in seinem Büro.