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GEDENKSTäTTE DACHAU Ein Streit um Eintrittsgelder sorgt für Unmut
Vor zwei Jahren trat Pieter Dietz de Loos die Nachfolge
von General André Delpech als Präsident des Internationalen
Lagerkomitees Dachau (CID) an. Schon damals war es um die finanzielle
Lage der Gedenkstätte nicht gut bestellt. Das hatte de Loos in seiner
Rede auf der Gedenkveranstaltung 2006 zur Befreiung des KZ durch
US-amerikanische Truppen im April 1945 deutlich gemacht. Seit 2001 habe
das CID ein Drittel seiner Einnahmen verloren, zudem seien seit 2003
die EU-Zuschüsse weggefallen, weiß die Süddeutsche Zeitung zu
berichten. Für jährlich 800.000 Besucher hat die Gedenkstätte lediglich
sechseinhalb Personalstellen. Auch die Versöhnungskirche in Dachau
leide an Personalmangel, und in Flossenbürg würden sogar Mitarbeiter
wieder entlassen, so de Loos. In fünf Jahren, so seine Befürchtung,
stünden sie vor dem Ruin.
Zwar konnte die Gedenkstätte im letzen Jahr eine Reihe
kleinerer Projekte realisieren: die italienische Übersetzung des
Museumskatalogs, mehrsprachige Gottesdienste, ein Seminar. Zudem wurde
mit dem Bau eines neuen Besucherzentrums begonnen. Darüber hinaus aber
möchte de Loos die Gedenkstätte zu einem Zentrum historischer und
pädagogischer Forschung weiterentwickeln, mit den Schwerpunkten
"Entwicklung des Systems der Konzentrationslager" und "Dachau als Ort
des Widerstands". Auch müsse ein Solidarfonds der Lagergemeinschaft für
jene Überlebenden eingerichtet werden, die unter "erbärmlichen
Umständen" leben. Um dies zu ermöglichen und die Zukunft der
Gedenkstätte zu sichern, sei die Erhebung von Eintrittsgeldern nötig.
Mit dieser Forderung hatte de Loos bereits im Vorfeld der Gedenkfeier
für einen Eklat gesorgt. Die Direktorin der Gedenkstätte, Barbara
Distel, hatte sich gegenüber der SZ
"entsetzt" über diesen Vorschlag gezeigt, und für den Leiter der
Stiftung bayerischer Gedenkstätten, Andreas Heldrich, kommt das
"überhaupt nicht in Frage."
Von den zuständigen Behörden sei der Vorschlag hingegen "mit
Wohlwollen" aufgenommen worden. Das CID habe auch die Reaktionen in der
Presse studiert, so de Loos in seiner diesjährigen Gedenkrede, und
bedanke sich "ganz herzlich bei denjenigen, die negativ reagiert
haben". Aufgrund seiner Geschichte sei das deutsche Volk dazu
verpflichtet, den freien Zugang zu seinen Gedenkstätten zu ermöglichen,
doch dafür seien die zur Verfügung stehenden Geldmittel einfach
unzureichend.
Die Vorstellung, vor einer KZ-Gedenkstätte Eintrittsgeldern zu
kassieren, empfanden viele Teilnehmer der Veranstaltung allerdings als
Zumutung. Der Münchner Friedensaktivist und ehemalige KZ-Häftling
Martin Löwenberg verwies darauf, dass die Mehrheit des Komitees dies
ablehne. Auch die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte
Knobloch, und Josef Schuster vom Landesvorstand der Israelitischen
Kultusgemeinden stehen Eintrittsgeldern kritisch gegenüber. Marie Luise
Schulze-Jahn, Mitglied der Weißen Rose, empfand de Loos´ Worte als
"Bettelrede". "Es war eine unsägliche Rede" findet auch Ernst Grube,
stellvertretender Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau.
Überlegungen zu Eintrittsgeldern sind angesichts der
steigenden Kosten sowie des Wunsches nach struktureller
Weiterentwicklung für den Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der
KZ-Gedenkstätten, Thomas Lutz, nicht neu. Als "Skandal" bezeichnet er
die personelle Ausstattung der Gedenkstätten. Zwar hat sich der Bund in
seinem Gedenkstättenkonzept von 1999 dazu verpflichtet, die Situation
der Gedenkstätte Dachau "real zu verbessern", doch ist die Förderung
primär als Aufgabe der Kommunen und Länder definiert. Und die
engagieren sich "in sehr unterschiedlichem Maße", so Lutz. Bundesmittel
gibt es nur auf Einzelantrag und müssen mit den Gedenkstätten für die
Opfer der NKWD-Lager und SED-Diktatur geteilt werden, obwohl letztere
laut Lutz auch auf andere Fördermöglichkeiten wie die "Stiftung
Aufarbeitung der SED-Diktatur" zugreifen können. Ganz anders sieht das
die CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Sie kritisiert eine angebliche
Benachteiligung des Gedenkens an die Zeit der SED-Diktatur, und will
eine Erweiterung um die "Opfer von Krieg und Vertreibung" und die
"zivilen Opfer der alliierten Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges".
Da ist es nicht verwunderlich, dass im CSU-dominierten Bayern
trotz guter Haushaltslage die Mittel nur spärlich fließen. Drei
Millionen Euro jährlich weist der Haushaltsplan des bayerischen
Kultusministeriums für die Förderung der Gedenkstätten Dachau und
Flossenbürg von 2002 bis 2004 aus, inklusive der Mittel für dringend
notwendige bauliche Sanierungen. Zum Vergleich: das Holocaust Memorial Museum in
Washington erhielt 2005 42 Millionen US-Dollar staatliche Förderung.
Der Eintritt ist kostenfrei, das Museum unterhält eigene
Forschungsprogramme, schult Lehrer, arbeitet an und mit Schulen und
vergibt projektorientierte Fördermittel.
Die Lösung in Eintrittsgeldern zu suchen, mag man als
unangemessen gegenüber der Würde der Opfer und dem Grauen des Ortes
empfinden. Die internationale Öffentlichkeit würde sich wohl auch
fragen, ob man in Deutschland den Besuch von Schülern in
NS-Gedenkstätten eher verhindern wolle, statt ihn zu fördern. Noch
könnte die bayerische Staatsregierung solche Vorwürfe vermeiden. Denn
"wer den Frieden will, muss auch bereit sein, ihn zu finanzieren", so
Charlotte Knobloch.
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