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Diskussionsbeitrag zur Thesenreihe Dabru EmetGemeinsamer Ausschuss Kirche und JudentumVorwortIm Jahre 2000 ist ein bedeutsames Dokument erschienen: Der vom National Jewish Scholars Project in den USA erarbeitete Text "Dabru emet
(Redet Wahrheit) - eine jüdische Stellungnahme zu Christen und
Christentum". Der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD),
der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und der Vereinigten
Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) eingesetzte
Gemeinsame Ausschuss "Kirche und Judentum", der sich in den Jahren
2003/2004 in mehreren Sitzungen eingehend mit diesem Text befasst hat,
sieht in Dabru emet eine für die Evangelische Kirche bedeutsame
jüdische Reaktion auf das Bemühen der christlichen Kirchen, ihr
Verhältnis zum Judentum auf eine neue theologische Basis zu stellen.
Der Gemeinsame Ausschuss hält es für wichtig, dass dieses Dokument in
den christlichen Kirchen zur Kenntnis genommen und diskutiert wird.
Dabei ist er sich dessen bewusst, dass dieses Dokument innerhalb des
Judentums auch Gegenstand kontroverser Diskussion ist.
Wir verstehen Dabru emet insbesondere auch als eine Antwort
auf theologische Aussagen, wie sie in den von der Studienkommission
‚Kirche und Judentum' in den Jahren 1975, 1991 und 2000 erarbeiteten
Studien der EKD "Christen und Juden I - III" sowie in der von der
Vollversammlung der Gemeinschaft reformatorischer Kirchen in Europa
(Leuenberger Kirchengemeinschaft) im Jahre 2001 in Belfast
verabschiedeten Studie "Kirche und Israel. Ein Beitrag der
reformatorischen Kirchen Europas zum Verhältnis von Christen und Juden"
zum Ausdruck kommen. In den genannten Texten, die innerhalb der
evangelischen Kirchen erarbeitet wurden, sind insbesondere drei
Einsichten festgehalten: Wir sehen dankbar, dass die Erklärung Dabru emet den so gekennzeichneten Wandel im theologischen Denken der christlichen Kirchen wahrgenommen hat und Juden dazu aufruft, die christlichen Bemühungen um eine Würdigung des Judentums zur Kenntnis zu nehmen (to learn about the efforts of Christians to honor Judaism). Dabei wissen wir, dass die in den Kirchen im Konsens erreichten Einsichten sowohl befestigt als auch vertieft werden müssen. Dabru emet ist zuerst und vor allem ein Angebot von Jüdinnen und Juden an andere Juden, über ihre Haltung zum Christentum nachzudenken; in den damit möglicherweise eingeleiteten Prozess können und wollen die christlichen Kirchen nicht eingreifen. Wohl aber versteht der Gemeinsame Ausschuss sowohl die Erklärung Dabru emet als auch die an ihr innerhalb des Judentums geäußerte Kritik als eine Hilfe, den begonnenen Weg der eigenen Neuorientierung fortzusetzen. Im Prozess des Dialogs wird keiner der Beteiligten die notwendige Diskussion der Unterschiede aussparen wollen. Wir haben aber die Hoffnung, dass Juden und Christen Gemeinsamkeiten erkennen und auch anderen gegenüber bezeugen können und dass dort, wo Unterschiede bestehen, wechselseitige kritische Anfragen dazu beitragen, das Eigene im Licht des Anderen klarer sagen zu können. Zu solcher Hoffnung sehen wir uns durch Dabru emet ermutigt. Auf dieser Grundlage möchte der Gemeinsame Ausschuss ‚Kirche und Judentum' die folgenden Überlegungen zu den einzelnen Thesen von Dabru emet als einen Beitrag zur Fortführung des Gesprächs zwischen Christen und Juden verstanden wissen. (Die Thesen werden zitiert nach: Evangelische Theologie 4, 2001, S. 334 - 336.) These 1: Juden und Christen beten den gleichen Gott an.Vor dem Aufstieg des Christentums waren es allein die Juden, die den Gott Israels anbeteten. Aber auch Christen beten den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Schöpfer von Himmel und Erde an. Wenngleich der christliche Gottesdienst für Juden keine annehmbare religiöse Alternative darstellt, freuen wir uns als jüdische Theologen darüber, dass Abermillionen von Menschen durch das Christentum in eine Beziehung .zum Gott Israels getreten sind. Überlegungen zu These 1:Es ist Anlass zur Freude, dass jüdische Theologinnen und Theologen
anerkennen können: Christen sind mit ihrem Bekenntnis in eine Beziehung
zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs getreten. Diese Anerkennung ist
nicht selbstverständlich, geschieht sie doch in dem Bewusstsein, dass
es in der Beziehung von Juden und Christen zu diesem einen Gott auch
Trennendes gibt. Diese Spannung wird in der Entfaltung der ersten These
explizit benannt, indem gesagt wird, dass der christliche Gottesdienst für Juden keine annehmbare religiöse Alternative darstellt. Durch die gesamte Geschichte der Kirche hindurch wurde immer wieder auch der Versuch unternommen, die zwischen Juden und Christen im Gottesverständnis bestehende Spannung aufzuheben - bis hin zur Unterdrückung des Judentums und dem Versuch seiner Auslöschung. Mit dem jüdisch-christlichen Dialog ist ein neuer Weg beschritten worden. Er hat seine Besonderheit darin, dass er das Ziel, die Differenz aufzuheben, nicht verfolgt. Der Respekt für das Anderssein des Anderen findet darin seinen Ausdruck, dass das gemeinsame Bekenntnis zu dem einen Gott sich verbindet mit dem Bewusstsein einer wohl bis zum Ende der Zeiten bleibenden Differenz im menschlichen Verständnis des Wesens und Wirkens dieses Gottes. Daher wird im Blick auf gemeinsames Gebet und gemeinsamen Gottesdienst das Spannungsverhältnis von Verbundenheit und Differenz um des gegenseitigen Respekts willen erkennbar bleiben müssen. These 2: Juden und Christen stützen sich auf die Autorität ein und desselben Buches - die Bibel (das die Juden "Tenach" und die Christen das "Alte Testament" nennen).In ihm suchen wir nach religiöser Orientierung, spiritueller Bereicherung und Gemeinschaftsbildung und ziehen aus ihm ähnliche Lehren: Gott schuf und erhält das Universum; Gott ging mit dem Volk Israel einen Bund ein und es ist Gottes Wort, das Israel zu einem Leben in Gerechtigkeit leitet; schließlich wird Gott Israel und die gesamte Welt erlösen. Gleichwohl interpretieren Juden und Christen die Bibel in vielen Punkten unterschiedlich. Diese Unterschiede müssen immer respektiert werden. Überlegungen zu These 2:In These 2 wird mehr benannt als allein das Faktum, dass Juden und Christen sich auf ein gemeinsames Textcorpus beziehen. Es wird vielmehr deutlich gemacht, dass die biblischen Texte, die von den Juden "Tenach" und von den Christen "Altes Testament" genannt werden, für Juden und Christen im Blick auf das Gottesverständnis und das gesamte Wirklichkeitsverständnis eine gleichermaßen Wahrheit erschließende Kraft besitzen und dass sie somit ein gemeinsamer Schatz sind. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner von Dabru emet betonen deshalb, dass Juden und Christen in Fragen der ‚religiösen Orientierung' und der ,spirituellen Bereicherung' sich auf dieselben biblischen Schriften beziehen und ihnen "ähnliche Lehren" (similar lessons) bezüglich des Heilswillens Gottes entnehmen; daneben steht dann aber auch die Aussage, dass Juden und Christen die Bibel an vielen Punkten unterschiedlich interpretieren. Beide Feststellungen weisen wieder auf ein komplexes Verhältnis von Identität und Differenz hin. Die Heiligen Schriften Israels waren die Autorität, auf die die ersten Jünger Jesu ihre Verkündigung und ihre Lebensorientierung stützten. Sie lasen diese Schriften neu im Lichte und unter der Voraussetzung der Verkündigung Jesu und der Erfahrung seines Todes und seiner Auferstehung. In Jesus erkannten sie den in den Heiligen Schriften Israels verheißenen Messias. Damit steht für die christliche Kirche der Teil der Bibel, den wir Christen mit den Juden gemeinsam haben, in Verbindung mit der Person Jesus von Nazareth und also auch mit dem Neuen Testament als dem Zeugnis von Jesus als dem Christus. Dieses Zeugnis ist für Christen Schlüssel zum Verständnis des Alten Testaments: Einerseits liest und versteht die Kirche die Heiligen Schriften Israels, das Alte Testament, im Licht der Christusoffenbarung; andererseits liest und versteht die Kirche das neutestamentliche Christuszeugnis im Licht des von ihr so genannten Alten Testaments. In diesem Sinne ist nach reformatorischem Verständnis Christus "die Mitte der Schrift". Neben und vor diesem christlichen Verständnis der Heiligen Schriften
Israels gibt es ebenso die jüdische Leseweise des Tenach. Das Judentum
liest und versteht den Tenach im Licht der rabbinischen Tradition. Mit dem Aufkommen der historischen Bibelinterpretation tritt neben die Inanspruchnahme des Alten Testaments durch die Christen und den Gebrauch des Tenach durch die Juden unabweisbar auch die Wahrnehmung durch die Juden unabweisbar auch die Wahrnehmung des vielschichtigen Sinnes, den diese Texte in ihren jeweils unterschiedlichen Ursprungssituationen hatten und in immer neuen Kontexten gewannen. Aber auch bei einer historischen Betrachtungsweise suchen Juden und Christen in den biblischen Texten "nach religiöser Orientierung, spiritueller Bereicherung und Gemeinschaftsbildung". Wir nehmen wahr, dass These 2 von dem notwendigen Respekt gegenüber der unterschiedlichen Lese- und Verstehensweise der Texte des Tenach / Alten Testaments bestimmt wird. Wir Christen sehen es darüber hinaus aber auch als notwendig an, die jüdische Auslegung des Alten Testaments kennen zu lernen. These 3: Christen können den Anspruch des jüdischen Volkes auf das Land Israel respektieren.Für Juden stellt die Wiedererrichtung eines jüdischen Staates im gelobten Land das bedeutendste Ereignis seit dem Holocaust dar. Als Angehörige einer biblisch begründeten Religion wissen Christen zu würdigen, dass Israel den Juden als physisches Zentrum des Bundes zwischen ihnen und Gott versprochen - und gegeben wurde. Viele Christen unterstützen den Staat Israel aus weit tiefer liegenden Gründen als nur solchen politischer Natur. Als Juden begrüßen wir diese Unterstützung. Darüber hinaus wissen wir, dass die jüdische Tradition gegenüber allen Nicht-Juden, die in einem jüdischen Staat leben, Gerechtigkeit gebietet. Überlegungen zu These 3Wenn Juden die von ihnen wahrgenommene christliche Sicht auf die Landverheißung und den Staat Israel so darstellen, wie Dabru emet es tut, ist dies ein Ausdruck gegenseitigen Verständnisses. These 4: Juden und Christen anerkennen die moralischen Prinzipien der Tora.Im Zentrum der moralischen Prinzipien der Tora steht die unveräußerliche Heiligkeit und Würde eines jeden Menschen. Wir alle wurden nach dem Bilde Gottes geschaffen. Dieser moralische Schwerpunkt, den wir teilen, kann die Grundlage für ein verbessertes Verhältnis zwischen unseren beiden Gemeinschaften sein. Darüber hinaus kann er auch zur Grundlage eines kraftvollen Zeugnisses für die gesamte Menschheit werden, das der Verbesserung des Lebens unserer Mitmenschen dient und sich gegen Unmoral und Götzendienst richtet, die uns verletzen und entwürdigen. Ein solches Zeugnis ist insbesondere nach den beispiellosen Schrecken des vergangenen Jahrhunderts dringend nötig. Überlegungen zu These 4Die These formuliert das ethisch-moralische Fundament, das aus der
jüdisch-christlichen Tradition einerseits und aus dem
humanistisch-antiken Erbe andererseits hervorgegangen und zur
allgemeinen, normativen Grundlage unserer Kultur geworden ist.
Allerdings ist der religiöse Entdeckungszusammenhang dieses
Menschenbildes und des auf ihm fußenden ethischen Grundkonsenses, wie
er in der Tora und in den übrigen heiligen Schriften Israels
niedergelegt ist und von der christlichen Kirche übernommen wurde, zu
unterscheiden von dem allgemeinen ethischen Begründungszusammenhang.
Nur wenn die moralischen Prinzipien der Tora auch religionsneutral
begründbar sind, kann realistisch erwartet werden, dass auch andere,
nicht religiös gebundene, Menschen diesem Wertekanon zustimmen und ihm
Folge leisten. Eine Verständigung zwischen unterschiedlich religiös
oder auch nicht-religiös gebundenen Menschen ist in unseren heutigen,
säkularen und pluralistischen Gesellschaften eine stetige Aufgabe. These 5: Der Nazismus war kein christliches Phänomen.Ohne die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und christlicher Gewalt gegen Juden hätte die nationalsozialistische Ideologie keinen Bestand finden und nicht verwirklicht werden können. Zu viele Christen waren an den Grausamkeiten der Nazis gegen die Juden beteiligt oder billigten sie. Andere Christen wiederum protestierten nicht genügend gegen diese Grausamkeiten. Dennoch war der Nationalsozialismus selbst kein zwangsläufiges Produkt des Christentums. Wäre den Nationalsozialisten die Vernichtung der Juden in vollem Umfang gelungen, hätte sich ihre mörderische Raserei weitaus unmittelbarer gegen die Christen gerichtet. Mit Dankbarkeit gedenken wir jener Christen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ihr Leben riskiert oder geopfert haben, um Juden zu retten. Dessen eingedenk unterstützen wir die Fortsetzung der jüngsten Anstrengungen in der christlichen Theologie, die Verachtung des Judentums und des jüdischen Volkes eindeutig zurückzuweisen. Wir preisen jene Christen, die diese Lehre der Verachtung ablehnen und klagen sie nicht der Sünden an, die ihre Vorfahren begingen. Überlegungen zu These 5Für uns als Angehörige des Volkes, das die Verantwortung für die Folgen des Nationalsozialismus zu tragen hat, ist es überraschend und wohltuend zugleich, diese These zu hören. Zwar wird sie bei nüchterner Betrachtung allgemeine Zustimmung finden, weil sonst jede christliche Gesellschaft zum Nationalsozialismus tendieren müsste. Aber wir müssen bekennen, dass zur Entstehung des Antisemitismus auch christliche Judenfeindschaft erheblich beigetragen hat und Christen den Nationalsozialismus unterstützt und mitgetragen und ihm nicht widerstanden haben. Deswegen empfinden wir es als eine Geste der Versöhnung, wenn Juden in dieser Weise zwischen dem Nationalsozialismus und christlicher Judenfeindschaft differenzieren. Im Hinblick auf die Ursachen und die Entwicklung von Judenfeindschaft gilt es zu unterscheiden zwischen dem christlichen Antijudaismus, also der religiösen Diskriminierung von Juden, und dem rassistischen Antisemitismus, der biologische Argumentationsfiguren benutzt. Umgekehrt gilt es aber festzuhalten, dass der Antisemitismus sich gut verbinden konnte mit antijudaistischen Elementen in der christlichen Tradition. Der Nationalsozialismus beruht auf Voraussetzungen, die in der deutschen Tradition liegen, zu der auch christliche Elemente gehören. Somit ist er eher eine deutsche als eine christliche Erscheinung. Auch wir erkennen die Notwendigkeit, für die weitere Entwicklung der evangelischen Theologie gerade jene Ansätze zu stärken, die sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus bewährt haben. Die Unterscheidung von Schöpfer und. Geschöpf und die Überzeugung von der Liebe Gottes zu allen Menschen ist das theologische Fundament, von dem her viele Christen zum Widerstand gegen totalitäre und rassistische Systeme fähig wurden. These 6: Der nach menschlichem Ermessen unüberwindbare Unterschied zwischen Juden und Christen wird nicht eher ausgeräumt werden, bis Gott die gesamte Welt erlösen wird, wie es die Schrift prophezeit.Christen kennen und dienen Gott durch Jesus Christus und die christliche Tradition. Juden kennen und dienen Gott durch die Tora und die jüdische Tradition. Dieser Unterschied wird weder dadurch aufgelöst, dass eine der Gemeinschaften darauf besteht, die Schrift zutreffender auszulegen als die andere, noch dadurch, dass eine Gemeinschaft politische Macht über die andere ausübt. So wie Juden die Treue der Christen gegenüber ihrer Offenbarung anerkennen, so erwarten auch wir von Christen, dass sie unsere Treue unserer Offenbarung gegenüber respektieren. Weder Jude noch Christ sollten dazu genötigt werden, die Lehre der jeweils anderen Gemeinschaft anzunehmen. Überlegungen zu These 6Die Treue zum eigenen Glauben verbindet sich mit der Achtung vor dem
Glauben der anderen. Dieses Verständnis eines Dialogs, bei dem weder
Druck noch Zwang, weder politische Macht noch materielle Anreize eine
Rolle spielen dürfen, wird in These 6 entfaltet. Dieses Verständnis
liegt auch den Bemühungen unserer Kirche um die Erneuerung des
Gesprächs mit dem Judentum und um ein vertieftes Verständnis des
Judentums zugrunde. Wir müssen eingestehen, dass die Erfahrungen, die
Juden in der Vergangenheit mit den Christen gemacht haben, oft andere
gewesen sind. These 7: Ein neues Verhältnis zwischen Juden und Christen wird die jüdische Praxis nicht schwächen.Ein besseres Verhältnis wird die von Juden zu Recht befürchtete kulturelle und religiöse Assimilation nicht beschleunigen. Es wird weder die traditionellen jüdischen Formen der Anbetung verändern, noch wird es die Anzahl interreligiöser Ehen zwischen Juden und Nicht-Juden zunehmen lassen, noch wird es Juden dazu bewegen, zum Christentum überzutreten, und auch nicht zu einer unangebrachten Vermischung von Judentum und Christentum führen. Wir respektieren das Christentum als einen Glauben, der innerhalb des Judentums entstand und nach wie vor wesentliche Kontakte zu ihm hat. Wir betrachten es nicht als eine Erweiterung des Judentums. Nur wenn wir unsere eigenen Traditionen pflegen, können wir in Aufrichtigkeit dieses Verhältnis weiterführen. Überlegungen zu These 7In jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten gibt es die Sorge, der Dialog zwischen Juden und Christen, wie er sich entwickelt hat, könne die religiöse Assimilation beschleunigen und damit die jüdische Identität gefährden. Aus der geschichtlichen Erfahrung und angesichts der Minderheitensituation, in der jüdische Gemeinden leben, ist diese Sorge sehr verständlich, und wir nehmen sie ernst. Aber wir teilen die Auffassung der These, dass der Dialog zwischen Juden und Christen weder das Ziel noch den tatsächlichen Effekt hat, Assimilation oder Vermischung zu beschleunigen. Vielmehr machen auch wir die Erfahrung, dass der Dialog die eigene Identität nicht schwächt, sondern das Eigene im Licht des Anderen besser verstehen lässt. Dies sagen wir auch im Blick auf die in unserer Kirche hier und da spürbaren Ängste, der Dialog zwischen Christen und Juden setze die christliche Identität aufs Spiel. Die Sorge um die Bedrohung der eigenen Identität nimmt heute zu im Kontext einer globalisierten Welt, in der sich unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen permanent begegnen. Dabei kommt es tatsächlich auch zu Prozessen der Assimilation und der Vermischung - aber nicht durch den Dialog, sondern durch die Mechanismen der globalisierten Welt. Gerade in dieser Situation lässt sich aber auch die Erfahrung machen, dass der sorgfältig geführte Dialog für die Klärung der eigenen Identität hilfreich und für den Frieden zwischen Völkern und Religionen förderlich ist. These 8: Juden und Christen müssen sich gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.Juden und Christen erkennen, ein jeder auf seine Weise, die Unerlöstheit der Welt, wie sie sich in andauernder Verfolgung, Armut, menschlicher Entwürdigung und Not manifestiert. Obgleich Gerechtigkeit und Frieden letztlich in Gottes Hand liegen, werden unsere gemeinsamen Anstrengungen zusammen mit denen anderer Glaubensgemeinschaften helfen, das Königreich Gottes, auf das wir hoffen und nach dem wir uns sehnen, herbei zu führen. Getrennt und vereint müssen wir daran arbeiten, unserer Welt Gerechtigkeit und Frieden zu bringen. In dieser Bemühung leitet uns die Vision der Propheten Israels: "In der Folge der Tage wird es geschehen: Da wird der Berg des Hauses des Herrn festgegründet stehen an der Spitze der Berge und erhaben sein über die Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Dorthin pilgern viele Nationen und sprechen: ‚Auf lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs! Er lehre uns seine Wege, und wir wollen auf seinen Pfaden wandeln.' " (Jesaja 2, 2-3) Überlegungen zu These 8In den Aufruf zur gemeinsamen Weltverantwortung von Juden und
Christen und zum Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit werden in These
8 auch Menschen anderer Glaubensgemeinschaften einbezogen; zugleich
aber kommt dem Besonderen, das Juden und Christen verbindet und das in
den vorangehenden sieben Thesen entfaltet wurde, eine wesentliche
Bedeutung dafür zu, dass von Juden und Christen gemeinsamer Einsatz für
Frieden und Gerechtigkeit erwartet wird. These 8 verweist auf das Juden
und Christen gemeinsame Bewusstsein von der Unerlöstheit der Welt.
Dieses Bewusstsein beruht auf dem Dank für die von Gott geschaffene und
gewollte gute Schöpfung und auf der Hoffnung auf die zukünftige
Erlösung und Neuschöpfung durch Gott. Der menschliche Einsatz für
Frieden und Gerechtigkeit wird von Juden und Christen also im Horizont
der von Gott ausgehenden Gerechtigkeit und seines Friedens gesehen. Es
ist eine Frucht des jüdisch-christlichen Dialogs, dass auf der
Grundlage der gemeinsamen Texte des Tenach / des Altes Testaments die
Gemeinsamkeiten im Verständnis von Gottes Gerechtigkeit erkannt wurden:
Gottes Gerechtigkeit ist nicht denkbar ohne seine Barmherzigkeit und
seine Treue. Am Ende von Dabru emet wird die Hoffnung ausgesprochen, dass Gott selbst am Ende der Zeiten alle Völker in alle Wahrheit führen wird. In diese Hoffnung stimmen wir ein. Damit können - und hierzu ermutigt Dabru emet und der jüdisch-christliche Dialog insgesamt - Juden und Christen den Weg durch die Geschichte gehen. Sie können in der Freude über das Gemeinsame und mit der Achtung vor der Differenz in der je eigenen Glaubensgewissheit der endgültigen Offenbarung der Wahrheit entgegengehen. Mitglieder des Gemeinsamen Ausschusses: Bischof Dr. Hans Jürgen Abromeit, Greifswald (UEK) 2005-04-01 |
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