Feuer eröffnet - auf die Journalisten

Donnerstag, den 15. Januar 2009 um 18:34 Uhr von andré marty

Es knallt gegen 10 Uhr. Heute morgen hat die israelische Armee ein Medienhochhaus in Gaza-Stadt bombardiert, zwischen der 12. und 13. Etage ist die Bombe eingeschlagen.

Die israelische Armee kennt die genauen Koordinaten des Gebäudes. Und just heute morgen telefoniert Reuters nochmals mit den israelischen Militärs – kurze Zeit später wird bombardiert.

Der technische Kontrollraum von Reuters, der so genannte MCR, wird zerstört. Zwei Kameraleute werden verletzt, die anderen werden den heutigen Tag nie mehr vergessen. Alle Journalisten, Techniker und Kameraleute sind nun auf der Straße, Reuters Gaza gibt es nicht mehr. – Und wieder werden die Medien direkt attackiert, der Überbringer der ungeliebten Bilder.

Mohammad, mit dem ich in Gaza zusammenarbeite, hatte den getroffenen Raum ein paar Minuten vor dem israelischen Angriff verlassen. “They shelled us, us Journalists”, sagt Mohammad mit kaum hörbarer Stimme am Telefon. Mohammad mag nicht erzählen, er sitze am Boden und wolle in Ruhe gelassen werden.

“Contrary to IDF assurances that these media buildings would be safe - the IDF is severely violating basic principles of respect for press freedom”, meint die Foreign Press Association – ein weiteres nutzloses Comuniqué.

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sitzt derweil mit Israels Außenministerin Tzipi Livni in der Luxus-Herberge “Dan Hotel” in Tel Aviv zusammen. Der UN-Chef ist gerade etwas “outraged”, da am morgen auch das UN-Hauptquartier in Gaza-Stadt bombardiert wurde. An der gemeinsamen Medienkonferenz spricht Tzipi Livni von einer “successfull military operation”, der Kampf richte sich einzig gegen Hamas. Sagt sie, unwidersprochen. Denn Fragen dürfen die Medien genau zwei (2) stellen. Eine ein ausländischer Journalist, eine ein Israeli. Antworten, die dieses Wort verdienen, gibt’s keine. Was hätte die Außenministerin auch antworten können auf die Frage, was denn eigentlich in der letzten Kriegswoche erzielt worden sei, was in der Vorwoche noch nicht erreicht war. Dennoch reicht ihr junger Einflüsterer immer wieder Zettel an Livni, bloß für den Fall, dass sich der Kollege von Al Jazeera English weiter erdreisten würde nachzuhaken.

Der Pressesprecher der deutschen Botschaft in Tel Aviv hat derweil ganz andere Sorgen: Morgens um vier sei er aus dem Urlaub zurückgekommen, habe kaum geschlafen. Der Arme, war er doch in Ferien gewesen und musste nun nach drei Wochen Krieg zurückkommen - Spokesperson müsste man sein.

Sein oberster Chef, der deutsche Außenminister, ist zum zweiten Mal seit Kriegsbeginn vor 20 Tagen eingeflogen. Israels Selbstverteidigungsrecht stehe außer Frage, aber die Bilder aus Gaza würden die Welt schon beunruhigen, meint der Minister.

Dann kommt die Meldung, das Al-Aksa-Spital - ein Rot-Kreuz-Krankenhaus - in Gaza-Stadt sei bombardiert worden, stehe in Flammen. Ein Krankenhaus, mit dutzenden Personen drin.

Doch dann sitzen der deutsche Minister und Tzipi Livni bereits im Luxus-Hotel am großen Tisch – am Mittagstisch. Soweit das ungeübte Journalistenauge das erkennen kann, gibt’s zur Vorspeise Fisch, präsentiert auf einem Fenchel – Blattboquet.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: während der deutsche Außenminister mit seiner israelischen Amtskollegin im Luxus-Hotel diniert, brennt in Gaza ein Spital, werden Hochhäuser beschossen, rennen Zivilisten um ihr Leben. Rund ein Drittel der bisher über 1 050 Toten sind Kinder.

Möge den Politikern die Crème brulée geschmeckt haben.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf andremarty.com.