Dossier
London, Cannon Street, November 2007.
Beim internationalen Buchprüferkomitee IASB laufen die Krisenmails zusammen. Die vier Großen Deloitte, PwC, KPMG und Ernst & Young fürchten, wie einst Arthur Andersen im Enron-Bilanzskandal mit in den Abgrund gerissen zu werden. Conduits müssen in die Bilanz, sagen sie – und zwar sofort. Sie haben die Macht, dies auch durchzusetzen. Die Banker parieren. Ackermann meldet im November, dass er alle seine Conduits konsolidiert. Die IKB erklärt, ihr Rhineland Funding offenzulegen. Andere folgen. Das Versteckspiel ist vorbei.
Die Weggucker
Promi-Aufsichtsräte und Aufseher waren stets zufrieden
Ein
Staranwalt, der ehemalige Bundesbankchef und ein Spitzenbeamter aus dem
Finanzministerium sind lebende Beispiele für das Versagen der
Aufsichtsräte in den Problembanken.
Alexander Hemmelrath war seit 2002 Mitglied des Aufsichtsrats der Depfa Bank in Dublin, die im Oktober 2007 von der Hypo Real Estate übernommen wurde. Als Mitglied des Kompensationsausschusses ist der Staranwalt mitverantwortlich für die Managergehälter. Ihre Hochrisikodeals wurden fürstlich belohnt: Bis Ende 2007 erhielten sie Aktien im Wert von 171 Millionen Euro.
Hans Tietmeyer, ehemaliger Bundesbankchef, war seit 2002 Aufsichtsrat der Depfa in Dublin und 2008 sechs Monate Aufsichtsrat der Hypo Real Estate. Heute gibt er sich als Zweifler, er habe sich "natürlich sehr gefragt, woher die gesamte Krisensituation kommt". Die Entwicklung zum Milliardengrab HRE habe er nicht verhindern können, weil er sich "nicht immer voll und adäquat informiert gefühlt" habe.
Jörg Asmussen war ab 2003 als Abteilungsleiter und ab Juli 2008 als Staatssekretär im Finanzministerium für die Bankenaufsicht zuständig. Als Aufsichtsrat der Mittelstandsbank IKB trug er unmittelbar Verantwortung. Der Steinbrück-Vertraute hat das deutsche Verbriefungsgeschäft vehement vorangetrieben und sich gegen "unnötige Prüfpflichten" eingesetzt.
New York, New Liberty Street, Dezember 2007.
Im Konferenzraum der Federal Reserve of New York treffen sich Finanzwissenschaftler und Notenbanker. Ein Vortrag offenbart, dass zwei Drittel der Refinanzierungsprogramme im Verbriefungsmarkt in Dollar aufgelegt sind, während 80 Prozent der Werte von europäischen Banken betrieben werden. "Who are those guys?", fragt die Fed. Es sind Commerzbank, Dresdner, Deutsche, HSH Nordbank und neun Landesbanken.
Düsseldorf, Berliner Allee, Dezember 2007.
Prüfungssaison in den Banken. In einer Minibank, der Düsselhyp, übersteigt der Zinsaufwand den Zinsertrag um 700 Millionen Euro. Die Aufsichtsbeamten registrieren es unbekümmert wie Notare. Im April 2008 ist das Institut pleite. Auf Initiative der Aufsicht werden die Problemwerte in die Resba-Beteiligungsgesellschaft in Berlin ausgelagert – wieder eine Bad Bank. Zur Stützung bringen der Einlagensicherungsfonds und ein Bankenkonsortium 1,57 Milliarden Euro auf. Später fragt der Bundestagsuntersuchungsauschuss, welche Konsequenzen der Fall für die Risikoanalyse hatte. Klaus-Dieter Jakob, Münchner Regionalbereichsleiter der Bundesbank, erklärt: "Es gab aus meiner Kenntnis keine allgemeinen Schlussfolgerungen, die aus dem Fall der Düsselhyp gezogen wurden."
Münchner Altstadt, Januar 2008.
Georg Funke, Chef der börsennotierten Hypo Real Estate, meldet in einer Investorenmitteilung "nur geringes Exposure in risikobehafteten Assetklassen". Eine Woche danach trudelt bei Finanzstaatssekretär Thomas Mirow ein Brandbrief von BaFin-Chef Jochen Sanio ein. Sanio warnt vor einer "möglicherweise erschreckenden Größenordnung".
Über einen Handelsbuchbestand im Gesamtvolumen von acht Milliarden Euro stellen die Aufseher fest: "Eine eigene Bewertung der zugrunde liegenden Geschäfte ist der Bank nicht möglich." Frustriert sagt der ehemalige HRE-Risikomanager Stéphane Wolter: "Spätestens ab da hätte man sich ein Notfallszenario überlegen sollen." Für ihn war die Lehman-Pleite am 15. September nicht die Ursache der Katastrophe: "Lehman war für mich nur der Sargnagel darauf."
Washington D. C., Dirksen Senate Office Building, nach der Lehman-Pleite.
Offenherzig und ehrlich reden die Spitzenleute der Aufsichtsbehörden und der Industrie vor den Untersuchungsausschüssen des Kongresses. Die Protokolle ihrer Vernehmungen lesen sich wie ein historisches Drama. Sie sind Stoff für Forscher und Entscheider, sie erhellen und lehren, wie man die Finanzwelt künftig sicherer gestalten kann.
Hypo Real Estate
Notrettung ohne Plan
Für die überhastete Staatshilfe bluten heute die Steuerzahler
Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen ging erst im September 2008 in die Krisengespräche zur Rettung der Hypo Real Estate, obwohl die Probleme lang vorher bekannt waren. Weil er nicht früher handelte, war nicht mehr genug Zeit, eine Gläubigerkonferenz einzuberufen. Das hat den Banken und Versicherungen Zahlungen in Milliardenhöhe erspart. Denn vor einer drohenden Insolvenz müssen sich alle Großgläubiger eigentlich maßgeblich an der Rettung beteiligen, weil sie sonst den Totalverlust ihrer Forderungen riskieren. Eine dem Capital vorliegende Gläubigerliste zeigt die unbesicherten Forderungen, die im Falle der Pleite verloren gewesen wären:
Deutsche Kommunen und Länder: 8 Milliarden Euro
Deutsche Banken: 19 Milliarden Euro
Deutsche Versicherungen: 10 Milliarden Euro
Auch Versorgungswerke und Berufsgenossenschaften hätten hohe Beträge mit unbesicherten Forderungen verloren. Darüber hinaus hätten die Banken in ihren Einlagensicherungsfonds 17,5 Milliarden Euro nachschießen müssen. Denn der Fonds zum Schutz der Kundenguthaben war schon nach den ersten Rettungsaktionen leer gefegt. Um eine Insolvenz zu vermeiden, wurden der Bank Staatshilfen in Höhe von 102 Milliarden Euro gewährt, das Institut wurde verstaatlicht. Seitdem schreibt die Bank Verluste, für die der Steuerzahler geradesteht. Sie kostet jeden Tag 4,5 Millionen Euro.
Die Berliner Aufarbeitung dagegen ist auf parteipolitisches Gezänk reduziert. Ohne Tiefe und ohne Weitblick präsentiert sich der Untersuchungsausschuss des Bundestags. Er soll ausschließlich die Rettungsgeschichte der Hypo Real Estate ausleuchten, im Wesentlichen begrenzt auf die Zeit von Anfang 2007 bis Oktober 2008. Eifrig souffliert die SPD-Abgeordnete Nina Hauer den Zeugen aus Finanzministerium und Aufsichtsbehörden: Das Desaster konnte niemand voraussehen, erst die Lehman-Pleite änderte alles. Steinbrücks Parteigänger wollen offenbar die Lehman-Legende im Abschlussbericht festschreiben, um ihren Minister aus der Schusslinie zu nehmen.
Untersuchungsberichte wie in Großbritannien, der Schweiz oder den USA existieren nicht. Die Bundesbank versäumte es sogar, ihren regulären Finanzstabilitätsbericht zu publizieren. Bis heute gibt es über das größte Finanzdesaster seit der Weimarer Republik nicht einmal die Idee einer offiziellen Analyse.
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