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05.03.2009
„Wir wurden vom Opfer zum Täter gemacht“
Im Interview mit der PNP erhebt Alois
Mannichl schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft - „Es gibt
keinen einzigen Sachbeweis gegen uns“
Passau. Im Interview mit der PNP erzählt
Alois Mannichl, wie schwer es ihm und seiner Familie fällt, wieder zur
Normalität zu finden. „Der Anschlag war auf wenige Sekunden vorbei.
Aber was danach lief, war die gesellschaftliche Vernichtung der Familie
Mannichl“, sagt der Passauer Polizeichef.
Drei Monate sind seit dem Messerangriff auf Sie vergangen. Was haben Sie und Ihre Familie seitdem durchgemacht?
Mannichl:
Zunächst natürlich den ersten Schock unmittelbar nach dem Anschlag. Das
war für meine Familie unglaublich schlimm, aber nach der Operation war
klar, dass ich das überleben würde und auch keine Schäden davontragen
würde. Was allerdings danach kam, kann sich niemand vorstellen. Wir
wurden in einer Hetzkampagne vom Opfer zum Täter gemacht. Wir haben in
der Familie kürzlich darüber gesprochen, was schlimmer war, der
Anschlag oder das Danach. Nun, der Anschlag war auf wenige Sekunden
vorbei. Aber was danach lief, war die gesellschaftliche Vernichtung der
Familie Mannichl.
Wie konnte das überhaupt so weit kommen? Wie ist das gekippt? Anfangs hieß es doch noch, „Mannichl, der Held“?
Mannichl:
Vorweg: Ich habe immer abgelehnt, zum Helden hochstilisiert zu werden.
Den Anfang gemacht haben unglückliche Äußerungen über die Tatwaffe.
Irgendjemand hat erzählt, dass es da einen Brauch bei uns gäbe, wonach
sich damit jeder vor unserem
„Einige Geschwätzige haben massiv Stimmung gemacht“
Haus ein Stück Lebkuchen herunterschneiden könne. Woher diese Erklärung
stammt, ist mir nach wie vor unklar. Der Begriff „Lebkuchenmesser“
stammt jedenfalls weder von mir noch von meiner Frau. Und inhaltlich
ist das natürlich völliger Quatsch. Es gab eine nachbarschaftliche
Adventsfeier vor unserem Haus, wir haben unsere Gäste bewirtet,
deswegen waren Tassen und eben auch das Messer da. Das Messer wurde
beim Aufräumen irgendwie vergessen und ist so offenbar dem Täter in die
Hände gefallen.
Was aber für viele natürlich irgendwie komisch klingt.
Mannichl:
Schon. Aber Fakt ist auch: Der Hinweis, dass es sich bei der Tatwaffe
um ein Messer aus unserem Haushalt handelt, stammt von uns selbst, wir
haben noch am Tatabend die Ermittler darauf hingewiesen. Hätten wir
also etwas vertuschen wollen, hätten wir das mit Sicherheit nicht
gemacht. Jedenfalls hieß es bereits wenige Tage nach dem Anschlag:
Mannichl lügt. Ab da ist die Sache gekippt. Verstärkt wurde das noch
von anonymen Aussagen vermeintlich erfahrener Ermittler in Münchner
Zeitungen, wo indirekt gesagt wurde, ihre Passauer Kollegen würden in
die falsche Richtung ermitteln. Da wurde das Bild der Beziehungstat
gemalt - obwohl zu dem Zeitpunkt die Münchner Ermittler noch überhaupt
keine Details kannten. Einige Geschwätzige haben damit massiv Stimmung
gemacht. Ich möchte da aber ausdrücklich die Angehörigen der
Soko-Fürstenzell, die sich aus Passauer und Münchner Kollegen
zusammensetzt, ausnehmen. Und aus meiner Sicht der Dammbruch
„Jeden Tag neue Lügen - und wir müssen uns verteidigen“
war, als die Staatsanwaltschaft Anfang Januar plötzlich von
„Merkwürdigkeiten“ sprach, weil auf der Tatwaffe nur meine DNA-Spuren
seien. Jetzt entnehme ich der Presse, dass die Untersuchungen der
Tatwaffe noch immer nicht abgeschlossen seien, weil so viele sich
überlagernde DNA-Spuren drauf seien. Da frage ich mich: Wie konnte es
zu dieser widersprüchlichen Aussage kommen? Dafür habe ich keinerlei
Verständnis.
Würden Sie von Fehlern bei der Ermittlung sprechen?
Mannichl:
Mir als Opfer steht das nicht zu. Ich habe auch keinen Einblick in die
Ermittlungsakten. Ich kann mir aber vorstellen, dass irgendwann einmal
führende Stellen bei Polizei und Justiz die Ermittlungen überprüfen.
Sollte sich dann ergeben, dass gravierende Fehler gemacht wurden, dann
hoffe ich, dass sich jemand hinstellt und sagt: Tut uns leid, wir
dürfen diese Fehler nicht auf dem Rücken des Betroffenen ausschweigen.
Wie würden Sie aus Sicht des Opfers die heutige Ermittlungslage zusammenfassen?
Mannichl: Fakt ist: Es gibt keinen einzigen Sachbeweis, der gegen uns sprechen würde. Und auch keine einzige widersprüchliche Aussage.
Es gibt den Vorwurf, Sie als erfahrener Polizist hätten den Täter zu klischeehaft beschrieben. Wie gehen Sie damit um?
Mannichl:
Als Opfer ist man ja zugleich Zeuge. Meine Aufgabe als Zeuge ist es,
wahrheitsgemäße Aussagen zu machen. Auch wenn es andere gerne hören
würden: Ich konnte nichts anderes sagen. Was er gesagt hat, hat er
gesagt; wie er ausgesehen hat, hat er ausgesehen. Und zu dem Vorwurf,
meine Personenbeschreibung sei schwach, kann ich nur sagen: Ich habe in
dem Moment einfach versucht, zu überleben.
Wie haben Sie und Ihre Frau und Ihre beiden Kinder all das verkraftet? Und wie sieht Ihr Leben heute aus?
Mannichl:
Es war schwer. Wir habe nie mit einem solchen Anschlag gerechnet. Meine
Frau hat zwar gesagt, nachdem die Hetzkampagnen der Rechten in den
letzten Monaten vor dem Anschlag immer heftiger geworden sind, ich
solle aufpassen. Aber ich hatte nicht mit einem Anschlag gerechnet.
Insofern war es schwer, das zu verarbeiten. Aber ich glaube, uns ist
das mittlerweile sehr gut gelungen. Was uns weniger gut gelungen ist,
woran wir nach wie vor zu arbeiten haben, sind die Hetzkampagnen: Jeden
Tag neue Lügen, jeden Tag neue Gerüchte - und wir müssen uns
verteidigen, damit auseinandersetzen. Das ist sehr schwer. Aber
innerhalb der Familie funktioniert das Gott sei Dank hervorragend, wir
reden viel miteinander. Das tut gut.
Fühlen Sie sich aktuell bedroht?
Mannichl: Ja. Ich befürchte nach wie vor, dass ich nicht aus dem Schussfeld bin. Der Täter hatte mit
„Wir leben mit der Angst, dass der Täter nochmal kommt“
dem Angriff einen gigantische Medienwirksamkeit. Das könnte ihn
bewegen, das wiederholen zu wollen. Deshalb müssen wir nicht nur den
Anschlag vom Dezember und die Hetzkampagne bewältigen, sondern auch mit
der Angst leben, dass der Täter nochmal kommt.
Von einer Rückkehr in den normalen Alltag kann man nicht sprechen?
Mannichl:
Wir versuchen, wieder Freizeit zu haben und unseren Hobbies
nachzugehen. Aber wir leben nicht mehr wie vor dem Anschlag. Von einem
normalen Alltag kann man nicht reden.
Wie wehren Sie sich gegen die Hetzangriffe?
Mannichl:
Die Kampagnen der Rechten sind heute schlimmer als vor dem Anschlag.
Zwar hat man sich in einem ersten Schritt von der Tat distanziert - nur
um danach ordentlich draufzulegen. Das sind Brandstifter, die mit
Benzin löschen. Mir bleibt nur, gegen Verleumdungen konsequent
rechtlich vorzugehen.
Bekommen Sie dabei Unterstützung von Ihren Vorgesetzten?
Mannichl: Ich werde hervorragend unterstützt. Es gibt viel Konsens. Ich bin wirklich froh, dass dies so ist.
Warum
sind Sie eigentlich so schnell in den Dienst zurückgekehrt, nach nur
zwei Wochen? Jeder hätte verstanden, wenn Sie ein paar Monate Auszeit
genommen hätten.
Mannichl: Ich wollte nicht in eine
Märtyrerrolle kommen, als krank und schwer angeschlagen erscheinen. Das
war ja auch nicht der Fall. Die körperlichen Wunden waren verheilt und
psychisch war ich dienstfähig. Und es war wichtig, wieder eine Aufgabe
zu haben, arbeiten zu können.
Die Polizei in Bayern wird zur Zeit umgebaut. Wie geht es für Sie weiter?
„Ich rechne damit, dass die Tat aufgeklärt wird“ Mannichl:
Dass der Apparat umgebaut wird, wissen wir seit Jahren. Wir hatten
genügend Zeit, uns mental und vom Ablauf her darauf einzustellen. Die
Entscheidung über meine künftige Verwendung liegt ganz alleine im
zuständigen Innenministerium.
Rechnen Sie noch mit einer Aufklärung der Tat?
Mannichl:
Ich hoffe es, weil dann endlich die Gerüchteküche stillstehen würde und
wir wieder ruhig schlafen könnten. Und ich rechne auch damit.
Das
Attentat war Anlass für die Politik, über ein NPD-Verbot neu
nachzudenken. Was halten Sie persönlich von einem solchen Verbot?
Mannichl:
Ich habe die Augen des Täters gesehen, sein hasserfülltes Gesicht, ich
habe gehört, was er gesagt hat. Ich glaube nicht an einen Linken, der
der Rechten etwas auswischen wollte - darüber wurde ja verschiedentlich
spekuliert. Und ich glaube auch nicht an ein geplantes Attentat rechter
Kreise, denn das hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt. Das Attentat
wurde ja zu meinem Glück recht stümperhaft ausgeführt. Ich persönlich
glaube an einen durchgeknallten rechtsextremen Einzeltäter, der
aufgrund der Internet-Hetzkampagnen der Monate vor dem Anschlag zu dem
Entschluss gekommen war: „Der Mannichl muss weg.“ Ob der mich töten
oder mir nur eine Abreibung verpassen wollte, das wird man bei den
Vernehmungen sehen, wenn er mal festgenommen ist.
Das Gespräch führte Alexander Kain.
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