Von Jörg Schindler, 27.01.09, 22:54h
Belohnung vervierfacht
Sechs Wochen sind vergangen und alle, die seither mit der Ringstraße von Fürstenzell in Berührung kamen, drehen sich nurmehr im Kreis. Der Täter ist verschwunden, neue Zeugenaussagen gibt es nicht, alte mussten gestrichen werden, weil sie offenkundiger Unsinn waren. Annähernd 500 Hinweise hat die Soko „Fürstenzell“ inzwischen gesammelt, kein einziger brachte sie weiter. Soeben wurde die Belohnung für sachdienliche Auskünfte auf 20 000 Euro vervierfacht. Man ist nervös geworden in dem Landstrich, den sie hier Klosterwinkel nennen. Ein Täter muss her - bevor die inoffiziellen Versionen des Tathergangs weiter überhand nehmen.
Auf dem Marktplatz von Fürstenzell stehen an einem klirrend kalten Januartag zwei alte Frauen. Eine stützt sich auf ein Gehgestell, die andere hat ihren Hals mit einem grellen, pinkfarbenen Schal umwickelt. Sie wollen eigentlich nichts sagen „zum Mannichl“, mit langem A, dann sagen sie doch etwas. „Wenn Sie mich von Herzen fragen, am Anfang hab' ich ihm geglaubt...“, flüstert die eine. „Ich glaub' ihm gar nix mehr“, blafft die andere.
Sie werden immer mehr: Menschen, die hinter vorgehaltener Hand sagen, es gab keinen Fremden in der Ringstraße 43, der Mannichl lügt. Beweise hat niemand. Aber die Gerüchte köcheln. Briefe sind aufgetaucht, mit dem Kopf der Polizeidirektion Passau, die von einem Familiendrama sprechen. Die Briefe waren gefälscht, aber sie haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Man liest und hört viel über „Merkwürdigkeiten“ im Fall Mannichl.
Die Zweifel wachsen täglich. Wer ist hier Täter, wer Opfer? Sind beide gar identisch? Man würde die „Halbwahrheiten“ gerne korrigieren, heißt es aus der Soko „Fürstenzell“, aber jetzt sei „Kärrnerarbeit angesagt“. Oberstaatsanwalt Helmut Walch schweigt seit Wochen. Und Alois Mannichl? Die Spekulationen, sagte er, seien „der Wahnsinn“. Und: „Wenn ich so etwas erfinden würde, hätte ich es klüger gemacht.“
Alois Mannichl bleibt dabei: Der Täter war ein Glatzkopf, 1,90 Meter groß, mit Leberfleck oder Tätowierung am Hals, der „Grüße vom nationalen Widerstand“ bestellte. Dann stach er zu. Mit einem Messer aus Mannichls Haushalt. War es so?
Alois Mannichl, so viel steht fest, hat sich etliche Feinde im rechtsextremen Spektrum geschaffen. In Passau erzählt man sich, dass der 52-jährige Polizeichef massiven Druck auf Gastwirte ausübte, die der NPD Versammlungen erlauben wollten. Wer nicht spurte, fand sich kurz darauf in der Lokalzeitung an den Pranger gestellt. Ein harter Hund sei dieser Mannichl, heißt es, zielstrebig, ehrgeizig, gelegentlich zu Jähzorn neigend. Ende Dezember 2007 hatte er es gemeinsam mit Passaus Oberbürgermeister geschafft: In der Stadt gab es keine Rechtsextremen mehr. So schnell aber gaben die braunen Kameraden nicht klein bei: Wenige Wochen später tauchten sie in Fürstenzell auf, Mannichls Heimatort - eine ungeheure Provokation für den Polizisten, der als „Überparteilicher Wähler“ im dortigen Gemeinderat sitzt. Gegen die Dumpfdeutschen vor seiner Haustür aber blieb Mannichl bis heute weitgehend machtlos. Bis zu 50 Neonazis treffen sich seit einem Jahr regelmäßig in „Traudls Café“ in Fürstenzells Ortsmitte. Sogar NPD-Chef Udo Voigt referierte schon in Fürstenzell vor einem Häuflein Anhänger. Mannichl musste es geschehen lassen. Genauso wie die Schmähungen in einschlägigen Internet-Foren, wo er schon lange als „Drecksack“ und „Parasit“ firmiert. Als der verwundete Mannichl eine Täterbeschreibung lieferte, konnte es daher keinen Zweifel geben. Der Täter: ein Neonazi.
Wer weiß, vielleicht wurde deshalb der Tatort zunächst nur ungenügend untersucht, blieb Mannichls Familie unbefragt, leisteten sich die inzwischen abgelösten Ermittler unglaubliche Pannen. Es gab ja auch eine Zeugin, die an einer nahen Tankstelle zwei mutmaßliche Neonazis mit auffälligen Tätowierungen gesehen haben will. Wochenlang wurde vergeblich nach den beiden gefahndet, bis nach einer Auswertung der Überwachungskamera auffiel, dass die Zeugin wohl gar nicht dort war.
Seither reiht sich ein Rätsel an das nächste. Wieso hat in einer Siedlung, in der alle kreisförmig nebeneinander hocken, niemand etwas gesehen? Wieso wurde Mannichls Wunde erst drei Wochen nach der Tat, von Rechtsmedizinern eingängig untersucht? Wieso gibt es anscheinend keine Spuren an dem Messer? Überhaupt das Messer: Hubert Denk, ein Lokaljournalist, der zuletzt mit Mannichl sprach, sagt, dieser habe ihm anvertraut, das Messer habe nicht neben der Haustür gelegen, sondern weiter hinten auf seinem Grundstück. Hat also der Täter erst das Haus umrundet, um eine Waffe zu finden, mit der er zustechen kann? Ist das denkbar? So viele Fragen. So wenig Antworten.
Längst eine Glaubensfrage
Dazu die Gerüchte. Sie betreffen Mannichls Frau, Mannichls Sohn, Mannichl selbst. Franz Lehner, der Bürgermeister von Fürstenzell, sagt: „Niemand hier schenkt den Spekulationen Glauben.“ Aber das stimmt nicht mehr. Es wird getuschelt in seiner Gemeinde. Auch darüber, wer die Gerüchte nährt. Die Polizei selbst? Mannichl, heißt es, sei kein allzu beliebter Chef. Und nicht jeder Polizist teile den Zorn, den er auf die Rechtsextremen habe.
Im Klosterwinkel, wo die gelben Barocktürme der katholischen Kirche alles andere überragen, ist der Fall Mannichl zur Glaubensfrage geworden. Nicht wenige hier können sich inzwischen alles vorstellen. Auch, dass von offizieller Seite gar kein allzu großes Interesse mehr besteht, den Fall zu lösen. Es sei ja nicht auszudenken, was wäre, „wenn die Neonazis sich am Ende als Unschuldslämmer entpuppen“, sagt einer, der ungenannt bleiben will. Dann sei es immer noch besser, so tun, als sei es etwas anderes gewesen: das perfekte Verbrechen.
VORNDRAN
28.01.2009 | 01.06 Uhr | vorndran
Selten in den letzten Wochen so einen fundierten Bericht über den Fall Mannichl gelesen!
Wenn es einen Preis für "investigativen Journalismus"…
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Wende in der US-Außenpolitik: Obamas Charme-OffensiveMehrlingsgeburten: Menschliche Katastrophe

EXPRESS
Streit im Verein - Prinzengarde Rot-Weiß: Pleite vor Gericht1:5-Klatsche für Stuttgart - Bayern ballern sich auf den Titel ein

Spiegel Online
Handball-WM: Polen schafft den Sprung ins HalbfinaleDFB-Pokal-Achtelfinale: VfB-Debakel gegen Bayern