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Fall Mannichl:
Ermittler leisten sich schwere Pannen
© Armin Weigel/DPA
Polizeichef Alois Mannichl: Noch immer gibt es Ungereimtheiten im Fall Mannichl. Auch bei den Ermittlungen der Soko
Von Georg Wedemeyer
Selten
hat man die bayerische Polizei so ratlos gesehen, wie nach der
Messerattacke auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl.
Haarsträubende Pannen werden totgeschwiegen. Zum Beispiel, dass die
Adresse einer geschützten Hauptzeugin bekannt und diese daraufhin
bedroht wurde.
Als
Magda Kaiser (Name geändert) am dritten Advent im Radio hörte, dass am
Tag zuvor Alois Mannichl vor seinem Haus von einem Glatzkopf mit den
Worten "Schöne Grüße vom nationalen Widerstand" niedergestochen wurde,
war sie entsetzt. Wie Mannichl wohnt sie in Fürstenzell bei Passau,
zwar nicht in dessen Nachbarschaft, aber sie wusste, wer er ist. Und
sie hatte am Tag der Tat "merkwürdige Typen" in Fürstenzell beobachtet.
Gleich nach der Radiosendung am Sonntag rief die 58-jährige
Altenpflegerin bei der Polizei an.
Am Montag meldeten sich die
Beamten in ihrer Arbeitsstelle, einem Pflegeheim in Passau. Magda
Kaiser erzählte, was sie am Tag der Tat beobachtet haben will. Demnach
war sie gegen 15 Uhr auf dem Friedhof gewesen, am Grab ihres Mannes,
der einen Monat zuvor gestorben war. Dort fielen ihr eine junge Frau
und ein Mann auf, die eilig den Friedhof durchquerten und die sie zuvor
noch nie gesehen hatte. Beide trugen schwarze Jacken mit weißen
Aufnähern, der Mann hatte die mittlerweile von Fahndungs-Zeichnungen
bekannte Kreuztätowierung im Gesicht.
Eine Chronologie der rechten Gewalt
Von Angesicht zu Angesicht
Wenig später sah sie die beiden vor "Traudls Cafe", dem bekannten
Neonazi-Treff in Fürstenzell, wieder. Der Mann mit dem Kreuz unterhielt
sich mit einem anderen Mann, der jene ebenfalls aus der Fahndung
bekannte auffällige Schlangentätowierung hinter dem Ohr trug. Die junge
Frau vom Friedhof saß in einem Auto. In einem weiteren Auto saß ein
etwa 30-jähriger Mann mit Pferdeschwanz. Als Magda Kaiser ganz nahe bei
ihm vorbeiging, grinste er sie an und spreizte die Finger zum
Victory-Zeichen. "Weil das praktisch von Angesicht zu Angesicht war,
hab ich mir das Gesicht eingeprägt", sagt die Zeugin. Deshalb hat sie
es auch sofort wieder erkannt, als die Polizei ihr auf einem Laptop
Bilder zeigte. Es waren Bilder von der Beerdigung des berüchtigten
Neonazis Friedhelm Busse ("Wenn Deutschland judenfrei ist, brauchen wir
kein Auschwitz mehr"), der im Juli 2008 in Passau starb. Magda Kaiser
identifizierte einen der Beerdigungsteilnehmer eindeutig als den Mann
mit dem Victory-Zeichen.
Es
sei der 33-jährige Manuel H. aus München gewesen. Nicht ganz so sicher
war sie sich, ob es sich bei der Frau vom Friedhof um dessen Ehefrau
Sabrina H.,22, handelte. Beide sind in der extrem rechten Szene
bekannt.
Schon am nächsten Tag wurden Sabrina und Manuel H. in München vorläufig
festgenommen. "Die Art einer möglichen Tatbeteiligung wird geprüft",
teilte die Polizei mit. Den Vorwurf, Manual H. selbst könnte der
Messerstecher sein, erhob niemand. Es ging nur um eine mögliche
"Beihilfe". Den Mann, der ihn überfiel, hatte Alois Mannichl ganz
anders beschrieben.
Unliebsamer Besuch
Die vorläufige Festnahme musste von einem Haftrichter überprüft werden.
Deshalb wurde Magda Kaiser von einer Beamtin zu einem Psychologen nach
Regensburg gebracht. Kaiser berichtet, er habe ihre Glaubwürdigkeit
auch unter Hypnose getestet. Das Ergebnis sei positiv gewesen. Nach
ihrer Erinnerung sicherte die Polizei der 58-Jährigen zu, ihre
Identität werde in besonderer Weise geschützt. Am Donnerstag, den 18.
Dezember, bestätigte ein Passauer Amtsrichter den Haftbefehl gegen das
Münchner Pärchen.
Am Freitag veröffentlichte die Polizei die Fahndungsbilder mit den
merkwürdigen Tätowierungen. Und Sonntagnacht erhielt Magda Kaiser
unliebsamen Besuch. Als sie um 23:30 Uhr ihre Katze ins Haus ließ, habe
sie vor der Tür plötzlich ein großer Mann grob mit seiner
behandschuhten Hand an Kinn und Hals gepackt und gedroht: "Schönen Gruß
vom Chef: Zieh Deine Aussage zurück, sonst passiert was." Dann
verschwand er wieder im Dunkeln und flüchtete mit einem bereitstehenden
Auto.
Der
Polizei beschrieb die Bedrohte den Täter so: etwa 1,90 Meter groß, über
30 Jahre alt, Glatze, Vollmondgesicht, keine Augenbrauen, schwarze
Jacke, Handschuhe, Springerstiefel. Das ähnelt auffallend er
Beschreibung, die Alois Mannichl von dem Messerstecher gab. Doch
offenbar glaubte die Polizei ihr zunächst nicht. Woher sollte jemand
Namen und Adresse der Zeugin kennen?
Wurde die Zeugin "verheizt"?
Die Erklärung dafür ist nach
stern.de-Recherchen
allerdings relativ einfach: Magda Kaiser steht mit vollem Namen in dem
Haftbefehl, den die Passauer Staatsanwaltschaft gegen das Münchner
Neonazi-Pärchen erwirkte. Vier Tage vor dem Überfall auf sie war dieser
Haftbefehl dem Pärchen und seinem Anwalt ausgehändigt worden.
In
öffentlichen Aufrufen hat die Passauer Staatsanwaltschaft die
Bevölkerung mehrfach um Mithilfe gebeten. Stets wurde versprochen: "Die
Staatsanwaltschaft Passau sichert Vertraulichkeit für entsprechende
Hinweise zu." Doch im Fall Magda Kaiser beruft sich der Chef der
Behörde, Oberstaatsanwalt Helmut Walch gegenüber
stern.de
darauf: "Der Zeugin wurde niemals förmlich Vertraulichkeit
zugesichert." Ansonsten will er den Fall wegen "laufender Ermittlungen"
nicht kommentieren.
Polizeiinterne Kritiker gehen davon aus, dass "die Zeugin verheizt
wurde, weil man in der Anfangszeit unbedingt schnelle Erfolge vorweisen
wollte." Mit einer anonymen Zeugin hätte man keine Verhaftung
rechtfertigen können. Mittlerweile wurde das Münchner Pärchen auch so
mangels weiterer Beweise wieder freigelassen. Magda Kaiser selbst
wusste nichts von ihrem Namen im Haftbefehl. Sie weiß nur: "Noch einmal
würde ich mich in so einem Fall nicht bei der Polizei melden."
Artikel vom 12. Januar 2009