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Wiese bei
Altdorf. Im Vordergrund Bäume, in der Tiefe
der Hut auf einer Stange. Der Prospekt wird begrenzt durch den Bannberg,
über welchem ein Schneegebirg emporragt. Frießhardt und Leuthold
halten Wache.
Frießhardt.
Wir passen auf umsonst. Es will sich niemand
Heran begeben und dem Hut sein' Reverenz
Erzeigen. 's war doch sonst wie Jahrmarkt hier;
Jetzt ist der ganze Anger wie verödet,
Seitdem der Popanz auf der Stange hängt.
Leuthold.
Nur schlecht Gesindel lässt sich sehn und schwingt
Uns zum Verdrieße die zerlumpten Mützen.
Was rechte Leute sind, die machen lieber
Den langen Umweg um den halben Flecken,
Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.
Frießhardt.
Sie müssen über diesen Platz, wenn sie
Vom Rathaus kommen um die Mittagstunde.
Da meint' ich schon, 'nen guten Fang zu tun,
Denn keiner dachte dran, den Hut zu grüssen.
Da sieht's der Pfaff, der Rösselman – kam just
Von einem Kranken her – und stellt sich hin
Mit dem Hochwürdigen, grad' vor die Stange –
Der Sigrist musste mit dem Glöcklein schellen:
Da fielen all' aufs Knie, ich selber mit,
Und grüssten die Monstranz, doch nicht den Hut. –
Leuthold.
Höre, Gesell, es fängt mir an zu däuchten,
Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut;
's ist doch ein Schimpf für einen Reitersmann,
Schildwach zu stehn vor einem leeren Hut –
Und jeder rechte Kerl muss uns verachten.
– Die Reverenz zu machen einem Hut,
Es ist doch, traun, ein närrischer Befehl!
Frießhardt.
Warum nicht einem leeren, hohlen Hut?
Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.
Hildegard, Mechthild
und Elsbeth treten auf mit Kindern und stellen sich um die Stange.
Leuthold.
Und du bist auch so ein dienstfert'ger Schurke
Und brächtest wackre Leute gern ins Unglück.
Mag, wer da will, am Hut vorübergehn
Ich drück' die Augen zu und seh' nicht hin.
Mechthild.
Da hängt der Landvogt – habt Respekt, ihr Buben!
Elsbeth.
Wollt's Gott, er ging' und ließ' uns seinen Hut;
Es sollte drum nicht schlechter stehn ums Land!
Frießhardt (verscheucht sie).
Wollt ihr vom Platz! Verwünschtes Volk der Weiber!
Wer fragt nach euch! Schickt eure Männer her,
Wenn sie der Mut sticht, dem Befehl zu trotzen.
(Weiber gehen.)
Tell mit der Armbrust tritt
auf, den Knaben an der Hand führend; sie gehen an dem Hut vorbei gegen die
vordere Szene, ohne darauf zu achten.
Walther (zeigt nach dem
Bannberg).
Vater, ist's wahr, dass auf dem Berge dort
Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
Drauf führte mit der Axt –
Tell.
Wer sagt das, Knabe?
Walther.
Der Meister Hirt erzählt's – Die Bäume seien
Gebannt, sagt er, und wer sie schädige,
Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.
Tell.
Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit.
– Siehst du die Firnen dort, die weißen Hörner,
Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?
Walther.
Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern
Und uns die Schlaglawinen nieder senden.
Tell.
So ist's, und die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altdorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegen stellte.
Walther (nach einigem
Besinnen).
Gibt's Länder, Vater, wo nicht Berge sind?
Tell.
Wenn man hinunter steigt von unsern Höhen
Und immer tiefer steigt, den Strömen nach,
Gelangt man in ein großes, ebnes Land,
Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen,
Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn;
Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen,
Das Korn wächst dort in langen schönen Auen,
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.
Walther.
Ei, Vater, warum steigen wir denn nicht
Geschwind hinab in dieses schöne Land,
Statt dass wir uns hier ängstigen und plagen?
Tell.
Das Land ist schön und gütig, wie der Himmel;
Doch, die's bebauen, sie genießen nicht
Den Segen, den sie pflanzen.
Walther.
Wohnen sie
Nicht frei, wie du, auf ihrem eignen Erbe?
Tell.
Das Feld gehört dem Bischof und dem König.
Walther.
So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen?
Tell.
Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder.
Walther.
Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom?
Tell.
Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem König.
Walther.
Wer ist der König denn, den alle fürchten?
Tell.
Es ist der eine, der sie schützt und nährt.
Walther.
Sie können sich nicht mutig selbst beschützen?
Tell.
Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen.
Walther.
Vater, es wird mir eng im weiten Land;
Da wohn' ich lieber unter den Lawinen.
Tell.
Ja, wohl ist's besser, Kind, die Gletscherberge
Im Rücken haben, als die bösen Menschen.
(Sie wollen vorübergehen.)
Walther.
Ei, Vater, sieh den Hut dort auf der Stange.
Tell.
Was kümmert uns der Hut! Komm, lass uns gehen.
(Indem er abgehen will,
tritt ihm Frießhardt mit vorgehaltner Pike entgegen.)
Frießhardt.
In des Kaisers Namen! Haltet an und steht!
Tell (greift in die Pike).
Was wollt Ihr? Warum haltet ihr mich auf?
Frießhardt.
Ihr habt's Mandat verletzt; ihr müsst uns folgen.
Leuthold.
Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Tell.
Freund, lass mich gehen.
Frießhardt.
Fort, fort ins Gefängnis!
Walther.
Den Vater ins Gefängnis! Hilfe! Hilfe!
(In die Szene rufend.)
Herbei, ihr Männer, gute Leute, helft!
Gewalt! Gewalt! Sie führen ihn gefangen.
Rösselmann, der Pfarrer, und
Petermann, der Sigrist, kommen herbei, mit drei andern Männern.
Sigrist.
Was gibt's?
Rösselmann.
Was legst du Hand an diesen Mann?
Frießhardt.
Er ist ein Feind des Kaisers, ein Verräter!
Tell (fasst ihn heftig).
Ein Verräter, ich!
Rösselmann.
Du irrst dich, Freund. Das ist
Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger.
Walther (erblickt Walther
Fürst und eilt ihm entgegen).
Großvater, hilf! Gewalt geschieht dem Vater.
Frießhardt.
Ins Gefängnis, fort!
Walther Fürst (herbeieilend).
Ich leiste Bürgschaft, haltet!
– Um Gottes willen, Tell, was ist geschehen?
Melchtal und Stauffacher
kommen.
Frießhardt.
Des Landvogts oberherrliche Gewalt
Verachtet er und will sie nicht erkennen.
Stauffacher.
Das hätt' der Tell getan?
Melchtal.
Das lügst du, Bube!
Leuthold.
Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Walther Fürst.
Und darum soll er ins Gefängnis? Freund,
Nimm meine Bürgschaft an und lass ihn ledig.
Frießhardt.
Bürg du für dich und deinen eignen Leib!
Wir tun, was unsers Amtes – Fort mit ihm!
Melchtal (zu den Landleuten).
Nein, das ist schreiende Gewalt! Ertragen wir's,
Dass man ihn fortführt, frech, vor unsern Augen?
Sigrist.
Wir sind die Stärkern. Freunde, duldet's nicht!
Wir haben einen Rücken an den andern.
Frießhardt.
Wer widersetzt sich dem Befehl des Vogts?
Noch drei Landleute
(herbeieilend).
Wir helfen euch. Was gibt's? Schlagt sie zu Boden!
(Hildegard, Mechthild und
Elsbeth kommen zurück.)
Tell.
Ich helfe mir schon selbst. Geht, gute Leute!
Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte,
Ich würde mich vor ihren Spießen fürchten?
Melchtal (zu Frießhardt).
Wag's, ihn aus unsrer Mitte wegzuführen!
Walther Fürst und Stauffacher.
Gelassen! Ruhig!
Frießhardt (schreit).
Aufruhr und Empörung!
(Man hört Jagdhörner.)
Weiber.
Da kommt der Landvogt!
Frießhardt (erhebt die Stimme).
Meuterei! Empörung!
Stauffacher.
Schrei, bis du berstest, Schurke!
Rösselmann und Melchtal.
Willst du schweigen?
Frießhardt (ruft noch lauter).
Zu Hilf, zu Hilf den Dienern des Gesetzes!
Walther Fürst.
Da ist der Vogt! Weh uns, was wird das werden!
Geßler zu Pferd, den Falken
auf der Faust, Rudolph der Harras. Berta und Rudenz,
ein großes Gefolge von bewaffneten Knechten, welche einen Kreis von Piken
um die ganze Szene schließen.
Rudolph der Harras.
Platz, Platz dem Landvogt!
Geßler.
Treibt sie auseinander!
Was läuft das Volk zusammen? Wer ruft Hilfe?
(Allgemeine Stille.)
Wer war's? Ich will es wissen.
(Zu Frießhardt.)
Du tritt vor!
Wer bist du, und was hältst du diesen Mann?
(Er gibt den Falken
einem Diener.)
Frießhardt.
Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht
Und wohl bestellter Wächter bei dem Hut.
Diesen Mann ergriff ich über frischer Tat,
Wie er dem Hut den Ehrengruß versagte.
Verhaften wollt' ich ihn, wie du befahlst,
Und mit Gewalt will ihn das Volk entreißen.
Geßler (nach einer Pause).
Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,
Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,
Dass du die Ehr' versagst dem Hut, den ich
Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?
Dein böses Trachten hast du mir verraten.
Tell.
Verzeiht mir, lieber Herr! Aus Unbedacht,
Nicht aus Verachtung eurer ist's geschehn.
Wär' ich besonnen, hieß ich nicht der Tell.
Ich bitt' um Gnad', es soll nicht mehr begegnen.
Geßler (nach einigem
Stillschweigen).
Du bist ein Meister auf der Armbrust, Tell,
Man sagt, du nehmst es auf mit jedem Schützen?
Walther.
Und das muss wahr sein, Herr – 'nen Apfel schießt
Der Vater dir vom Baum auf hundert Schritte.
Geßler.
Ist das dein Knabe, Tell?
Tell.
Ja, lieber Herr.
Geßler.
Hast du der Kinder mehr?
Tell.
Zwei Knaben, Herr.
Geßler.
Und welcher ist's, den du am meisten liebst?
Tell.
Herr, beide sind sie mir gleich liebe Kinder.
Geßler.
Nun, Tell! Weil du den Apfel triffst vom Baume
Auf hundert Schritte, so wirst du deine Kunst
Vor mir bewähren müssen – Nimm die Armbrust –
Du hast sie gleich zur Hand – und mach dich fertig,
Einen Apfel von des Knaben Kopf zu schießen –
Doch, will ich raten, ziele gut, dass du
Den Apfel treffest auf den ersten Schuss;
Denn fehlst du ihn, so ist dein Kopf verloren.
(Alle geben Zeichen
des Schreckens.)
Tell.
Herr – welches Ungeheure sinnet ihr
Mir an? – Ich soll vom Haupte meines Kindes –
– Nein, nein doch, lieber Herr, das kommt euch nicht
Zu Sinn – Verhüt's der gnäd'ge Gott – Das könnt ihr
Im Ernst von einem Vater nicht begehren!
Geßler.
Du wirst den Apfel schießen von dem Kopf
Des Knaben – ich begehr's und will's.
Tell.
Ich soll
Mit meiner Armbrust auf das liebe Haupt
Des eignen Kindes zielen? – Eher sterb' ich!
Geßler.
Du schießest oder stirbst mit deinem Knaben.
Tell.
Ich soll der Mörder werden meines Kinds!
Herr, Ihr habt keine Kinder – wisset nicht,
Was sich bewegt in eines Vaters Herzen.
Geßler.
Ei, Tell, du bist ja plötzlich so besonnen!
Man sagte mir, dass du ein Träumer seist
Und dich entfernst von andrer Menschen Weise.
Du liebst das Seltsame – drum hab' ich jetzt
Ein eigen Wagstück für dich ausgesucht.
Ein andrer wohl bedächte sich – du drückst
Die Augen zu, und greifst es herzhaft an.
Berta.
Scherzt nicht, o Herr, mit diesen armen Leuten!
Ihr seht sie bleich und zitternd stehn – So wenig
Sind sie Kurzweils gewohnt aus eurem Munde.
Geßler.
Wer sagt euch, dass ich scherze?
(Greift nach einem
Baumzweig, der über ihn herhängt.)
Hier ist der Apfel.
Man mache Raum – er nehme seine Weite,
Wie's Brauch ist – achtzig Schritte geb' ich ihm –
Nicht weniger, noch mehr – Er rühmte sich,
Auf ihrer hundert seinen Mann zu treffen –
Jetzt, Schütze, triff, und fehle nicht das Ziel!
Rudolph der Harras.
Gott, das wird ernsthaft – Falle nieder, Knabe,
Es gilt, und fleh den Landvogt um dein Leben!
Walther Fürst (beiseite zu
Melchtal, der kaum seine Ungeduld bezwingt).
Haltet an euch, ich fleh' euch drum, bleibt ruhig!
Berta (zum Landvogt).
Lasst es genug sein, Herr! Unmenschlich ist's,
Mit eines Vaters Angst also zu spielen.
Wenn dieser arme Mann auch Leib und Leben
Verwirkt durch seine leichte Schuld, bei Gott!
Er hätte jetzt zehnfachen Tod empfunden.
Entlasst ihn ungekränkt in seine Hütte,
Er hat euch kennen lernen; dieser Stunde
Wird er und seine Kindeskinder denken.
Geßler.
Öffnet die Gasse – Frisch, was zauderst du?
Dein Leben ist verwirkt, ich kann dich töten;
Und sieh, ich lege gnädig dein Geschick
In deine eigne Kunst geübte Hand.
Der kann nicht klagen über harten Spruch,
Den man zum Meister seines Schicksals macht.
Du rühmst dich deines sichern Blicks. Wohlan!
Hier gilt es, Schütze, deine Kunst zu zeigen;
Das Ziel ist würdig, und der Preis ist groß!
Das Schwarze treffen in der Scheibe, das
Kann auch ein andrer; der ist mir der Meister,
Der seiner Kunst gewiss ist überall,
Dem's Herz nicht in die Hand tritt noch ins Auge.
Walther Fürst (wirft sich vor
ihm nieder).
Herr Landvogt, wir erkennen Eure Hoheit,
Doch lasset Gnad' für Recht ergehen, nehmt
Die Hälfte meiner Habe, nehmt sie ganz!
Nur dieses Grässliche erlasset einem Vater!
Walther Tell.
Großvater, knie nicht vor dem falschen Mann!
Sagt, wo ich hinstehn soll. Ich fürcht' mich nicht.
Der Vater trifft den Vogel ja im Flug,
Er wird nicht fehlen auf das Herz des Kindes.
Stauffacher.
Herr Landvogt, rührt euch nicht des Kindes Unschuld?
Rösselmann.
O denket, dass ein Gott im Himmel ist,
Dem ihr müsst Rede stehn für eure Taten.
Geßler (zeigt auf den Knaben).
Man bind' ihn an die Linde dort!
Walther Tell.
Mich binden!
Nein, ich will nicht gebunden sein. Ich will
Still halten, wie ein Lamm, und auch nicht atmen.
Wenn ihr mich bindet, nein, so kann ich's nicht,
So werd' ich toben gegen meine Bande.
Rudolph der Harras.
Die Augen nur lass dir verbinden, Knabe!
Walther Tell.
Warum die Augen! Denket Ihr, ich fürchte
Den Pfeil von Vaters Hand? Ich will ihn fest
Erwarten und nicht zucken mit den Wimpern.
– Frisch, Vater, zeig's, dass du ein Schütze bist!
Er glaubt dir's nicht, er denkt uns zu verderben –
Dem Wütrich zum Verdrusse schieß und triff!
(Er geht an die Linde,
man legt ihm den Apfel auf.)
Melchtal (zu den Landleuten).
Was? Soll der Frevel sich vor unsern Augen
Vollenden? Wozu haben wir geschworen?
Stauffacher.
Es ist umsonst. Wir haben keine Waffen;
Ihr seht den Wald von Lanzen um uns her.
Melchtal.
O hätten wir's mit frischer Tat vollendet!
Verzeih's Gott denen, die zum Aufschub rieten!
Geßler (zum Tell).
Ans Werk! Man führt die Waffen nicht vergebens.
Gefährlich ist's ein Mordgewehr zu tragen,
Und auf den Schützen springt der Pfeil zurück.
Dies stolze Recht, das sich der Bauer nimmt,
Beleidigt den höchsten Herrn des Landes.
Gewaffnet sei niemand, als wer gebietet.
Freut's euch, den Pfeil zu führen und den Bogen,
Wohl, so will ich das Ziel euch dazu geben.
Tell (spannt die Armbrust und
legt den Pfeil auf).
Öffnet die Gasse! Platz!
Stauffacher.
Was, Tell? Ihr wolltet – Nimmermehr – Ihr zittert,
Die Hand erbebt Euch, Eure Knie wanken –
Tell (lässt die Armbrust
sinken).
Mir schwimmt es vor den Augen!
Weiber.
Gott im Himmel!
Tell (zum Landvogt).
Erlasset mir den Schuss. Hier ist mein Herz!
(Er reißt die Brust
auf.)
Ruft eure Reisigen und stoßt mich nieder!
Geßler.
Ich will dein Leben nicht, ich will den Schuss.
– Du kannst ja alles, Tell! An nichts verzagst du;
Das Steuerruder führst du wie den Bogen;
Dich schreckt kein Sturm, wenn es zu retten gilt.
Jetzt, Retter, hilf dir selbst – du rettest alle!
(Tell steht in
fürchterlichem Kampf, mit beiden Händen zuckend und die rollenden Augen
bald auf den Landvogt, bald zum Himmel gerichtet. – Plötzlich greift er in
seinen Köcher, nimmt einen zweiten Pfeil heraus und steckt ihn in seinen
Goller. Der Landvogt bemerkt alle diese Bewegungen.)
Walther Tell (unter der Linde).
Vater, schieß zu! Ich fürcht' mich nicht.
Tell.
Es muss!
(Er rafft sich
zusammen und legt an.)
Rudenz (der die ganze Zeit
über in der heftigsten Spannung gestanden und mit Gewalt an sich gehalten
tritt hervor).
Herr Landvogt, weiter werdet ihr's nicht treiben,
Ihr werdet nicht – Es war nur eine Prüfung –
Den Zweck habt Ihr erreicht – Zu weit getrieben
Verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks,
Und allzu straff gespannt zerspringt der Bogen.
Geßler.
Ihr schweigt, bis man euch aufruft.
Rudenz.
Ich will reden!
Ich darf's! Des Königs Ehre ist mir heilig;
Doch solches Regiment muss Hass erwerben.
Das ist des Königs Wille nicht – Ich darf's
Behaupten – Solche Grausamkeit verdient
Mein Volk nicht; dazu habt Ihr keine Vollmacht.
Geßler.
Ha, Ihr erkühnt euch!
Rudenz.
Ich hab still geschwiegen
Zu allen schweren Taten, die ich sah;
Mein sehend Auge hab' ich zugeschlossen,
Mein überschwellend und empörtes Herz
Hab' ich hinabgedrückt in meinen Busen.
Doch länger schweigen wär' Verrat zugleich
An meinem Vaterland und an dem Kaiser.
Berta (wirft sich zwischen ihn
und den Landvogt).
O Gott, ihr reizt den Wütenden noch mehr.
Rudenz.
Mein Volk verließ ich, meinen Blutsverwandten
Entsagt' ich, alle Bande der Natur
Zerriss ich, um an euch mich anzuschließen –
Das Beste aller glaubt' ich zu befördern,
Da ich des Kaisers Macht befestigte –
Die Binde fällt von meinen Augen – Schaudernd
Seh' ich an einen Abgrund mich geführt –
Mein freies Urteil habt ihr irr geleitet,
Mein redlich Herz verführt – Ich war daran,
Mein Volk in bester Meinung zu verderben.
Geßler.
Verwegner, diese Sprache deinem Herrn?
Rudenz.
Der Kaiser ist mein Herr, nicht ihr – Frei bin ich
Wie ihr geboren, und ich messe mich
Mit euch in jeder ritterlichen Tugend.
Und ständet ihr nicht hier in Kaisers Namen,
Den ich verehre, selbst wo man ihn schändet,
Den Handschuh wärf' ich vor euch hin, ihr solltet
Nach ritterlichem Brauch mir Antwort geben.
– Ja, winkt nur euren Reisigen – Ich stehe
Nicht wehrlos da, wie die –
(Auf das Volk
zeigend.)
Ich hab' ein Schwert,
Und wer mir naht –
Stauffacher (ruft).
Der Apfel ist gefallen!
(Indem sich alle nach
dieser Seite gewendet, und Berta zwischen Rudenz und den Landvogt sich
geworfen, hat Tell den Pfeil abgedrückt.)
Rösselmann.
Der Knabe lebt!
Viele Stimmen.
Der Apfel ist getroffen!
(Walther Fürst
schwankt und droht zu sinken, Berta hält ihn.)
Geßler (erstaunt).
Er hat geschossen? Wie? Der Rasende!
Berta.
Der Knabe lebt! Kommt zu euch, guter Vater!
Walther Tell (kommt mit dem
Apfel gesprungen).
Vater, hier ist der Apfel – – Wusst ich's ja,
Du würdest deinen Knaben nicht verletzen.
Tell (stand mit vorgebogenem
Leib, als wollt er dem Pfeil folgen – die Armbrust entsinkt seiner Hand –
wie er den Knaben kommen sieht, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen
entgegen und hebt ihn mit heftiger Inbrunst zu seinem Herzen hinauf; in
dieser Stellung sinkt er kraftlos zusammen. Alle stehen gerührt).
Berta.
O güt'ger Himmel!
Walther Fürst (zu Vater und
Sohn).
Kinder! Meine Kinder!
Stauffacher.
Gott sei gelobt!
Leuthold.
Das war ein Schuss! Davon
Wird man noch reden in den spätsten Zeiten.
Rudolph der Harras.
Erzählen wird man von dem Schützen Tell,
So lang die Berge stehn auf ihrem Grunde.
(Reicht dem Landvogt
den Apfel.)
Geßler.
Bei Gott, der Apfel mitten durch geschossen!
Es war ein Meisterschuss, ich muss ihn loben.
Rösselmann.
Der Schuss war gut; doch wehe dem, der ihn
Dazu getrieben, dass er Gott versuchte.
Stauffacher.
Kommt zu euch, Tell, steht auf, ihr habt euch männlich
Gelöst, und frei könnt Ihr nach Hause gehen.
Rösselmann.
Kommt, kommt und bringt der Mutter ihren Sohn!
(Sie wollen ihn
wegführen.)
Geßler.
Tell, höre!
Tell (kommt zurück).
Was befiehlt ihr, Herr?
Geßler.
Du stecktest
Noch einen zweiten Pfeil zu dir – Ja, ja,
Ich sah es wohl – Was meintest du damit?
Tell (verlegen).
Herr, das ist also bräuchlich bei den Schützen.
Geßler.
Nein, Tell, die Antwort lass' ich dir nicht gelten;
Es wird was anders wohl bedeutet haben.
Sag mir die Wahrheit frisch und fröhlich, Tell;
Was es auch sei, dein Leben sichr' ich dir.
Wozu der zweite Pfeil?
Tell.
Wohlan, o Herr,
Weil ihr mich meines Lebens habt gesichert –
So will ich Euch die Wahrheit gründlich sagen.
(Er zieht den Pfeil
aus dem Goller und sieht den Landvogt mit einem furchtbaren Blick an.)
Mit diesem zweiten Pfeil durchschoss ich – euch,
Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,
Und eurer – wahrlich, hätt ich nicht gefehlt.
Geßler.
Wohl, Tell! Des Lebens hab' ich dich gesichert;
Ich gab mein Ritterwort, das will ich halten –
Doch weil ich deinen bösen Sinn erkannt,
Will ich dich führen lassen und verwahren,
Wo weder Mond noch Sonne dich bescheint,
Damit ich sicher sei vor deinen Pfeilen.
Ergreift ihn, Knechte! Bindet ihn!
(Tell wird gebunden.)
Stauffacher.
Wie, Herr?
So könntet Ihr an einem Manne handeln,
An dem sich Gottes Hand sichtbar verkündigt?
Geßler.
Lass sehn, ob sie ihn zwei Mal retten wird.
– Man bring' ihn auf mein Schiff! Ich folge nach
Sogleich, ich selbst will ihn nach Küßnacht führen.
Rösselmann.
Das dürft ihr nicht, das darf der Kaiser nicht,
Das widerstreitet unsern Freiheitsbriefen!
Geßler.
Wo sind sie? Hat der Kaiser sie bestätigt?
Er hat sie nicht bestätigt – Diese Gunst
Muss erst erworben werden durch Gehorsam.
Rebellen seid ihr alle gegen Kaisers
Gericht und nährt verwegene Empörung.
Ich kenn' euch alle – ich durchschau' euch ganz –
Den nehm' ich jetzt heraus aus eurer Mitte;
Doch alle seid ihr teilhaft seiner Schuld.
Wer klug ist, lerne schweigen und gehorchen.
(Er entfernt sich, Berta, Rudenz,
Harras und Knechte folgen, Frießhardt und Leuthold bleiben zurück.)
Walther Fürst (in heftigem
Schmerz).
Es ist vorbei; er hat's beschlossen, mich
Mit meinem ganzen Hause zu verderben!
Stauffacher (zum Tell).
O warum musstet Ihr den Wütrich reizen!
Tell.
Bezwinge sich, wer meinen Schmerz gefühlt!
Stauffacher.
O nun ist alles, alles hin! Mit euch
Sind wir gefesselt alle und gebunden!
Landleute (umringen den Tell).
Mit euch geht unser letzter Trost dahin!
Leuthold (nähert sich).
Tell, es erbarmt mich – doch ich muss gehorchen.
Tell.
Lebt wohl!
Walther Tell (sich mit
heftigem Schmerz an ihn schmiegend).
O Vater! Vater! Lieber Vater!
Tell (hebt die Arme zum
Himmel).
Dort droben ist dein Vater! Den ruf' an!
Stauffacher.
Tell, sag' ich eurem Weibe nichts von euch?
Tell (hebt den Knaben mit
Inbrunst an seine Brust).
Der Knab' ist unverletzt; mir wird Gott helfen.
(Reißt sich schnell los und
folgt den Waffenknechten.)
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